An seinen Freund

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Friedrich Schlegel: An seinen Freund (1800)

1
O Bruder meines Herzens,
2
Ich fühle dieses Schmerzens
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Seelezerreißend Band;
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Die angstvoll bittern Wehen,
5
Wie deine Augen sehen
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Bluten das Vaterland;
7
Und unsers Frühlings Bette
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Ruchlosen Raubes Stätte.

9
Wie still es hier auch scheinet,
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Mein Herz doch innen weinet,
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Schwebt nur um jenen Ort;
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Und wie sich Lüfte rühren,
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Kann ich ein Grausen spüren,
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Ich ahnde all den Mord;
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Je fern und fremd entrückter,
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So schmerzenvoll gedrückter.

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Und doch bleibt Trost noch offen,
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Ein nächtlich leuchtend Hoffen
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Stählt innen mir die Brust.
20
Zwar Freiheit nicht von Ketten,
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Kein unerwartet Retten,
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Und keine ird'sche Lust;
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Wer aber Gott sei eigen,
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Wird jetzt sich glorreich zeigen.

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Die Tage kehren wieder,
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Vom Vater zu uns nieder,
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Des heil'gen Martertums;
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So laß den Mut nicht sinken,
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Folge den Gottes Winken,
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Ledig des ird'schen Ruhms;
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Quillt Himmels Lieb' im Herzen,
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Zerrinnen all die Schmerzen.

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Gedenke, wie vor Zeiten
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Sich zarte Jungfraun weihten
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Zu bitterm Tod und Qual.
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Zerrissen und verachtet,
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Ward nie ihr Blick umnachtet,
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Nie schwankend ihre Wahl;
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Im Blute noch gebadet
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Lächeln sie lichtbegnadet.

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Soll dann in Mannes Mute,
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Zu dulden für das Gute,
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Nicht keimen gleiche Kraft?
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Schöner aus tiefen Wunden
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Wird uns der Kranz gewunden,
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Als schnellem Tod entrafft.
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So laß uns duldend schweigen,
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Geheim der Zukunft eigen.

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Die drei so einst verbündet,
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Der Freiheit Reich gegründet,
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Strahlen in Ruhmes Glanz.
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Arm waren sie die dreie,
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Nur irdisch ihre Treue,
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Doch ewig grünt ihr Kranz;
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So laß uns zwei es gründen,
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Den Gottesmut entzünden.

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Das Siegel unsers Bundes
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Im Schrein des Herzensgrundes,
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Sei inniges Gebet;
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Und die verborgne Handlung
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Wo Gott in der Verwandlung
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Sichtbar vor uns entsteht;
63
Sog je den Wein des Lebens
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Ein Kranker wohl vergebens?

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Es kettet unsre Einung
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Der Glaub' an die Erscheinung
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Der Gotteswiederkunft.
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Die Heil'gen vor'ger Zeiten
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Und die noch künftig streiten,
70
Sind Bürger einer Zunft;
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Wo zwei in Gott beisammen,
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Leuchten der Allmacht Flammen.

73
Als Bruder aufgenommen
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Sei jeder uns willkommen,
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Der einzig Gott nur liebt.
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So wird der Bund sich mehren,
77
Lichtmauer uns umwehren,
78
Woran der Feind zerstiebt.
79
Aus Keimen, zart verschlossen,
80
Wird bald ein Weltall sprossen.

81
Allmächtig ist die Treue,
82
Und jedes göttlich Neue
83
Tritt langsam in die Zeit;
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So duldend mußt' entfalten
85
Und himmlisch sich gestalten
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Die erste Christenheit;
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Aus einem Meer von Tränen
88
Stieg auf das Licht des Schönen.

89
Vielleicht, daß einst dies Dulden,
90
Durch unsers Gottes Hulden,
91
Sich wendet noch in Tod;
92
Daß wir noch glorreich sterben,
93
Folgend die Palm' erwerben
94
Dem himmlischen Gebot;
95
Wie jene freud'gen Scharen,
96
Die Gottes Helden waren.

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Nicht da, wo wild vergossen,
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In Strömen Blut geflossen,
99
Blüht nur der Heldensinn.
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Die irdische Zerstörung,
101
Der grimmen Lust Betörung,
102
Wie brächte sie Gewinn?
103
Nur wer sich Gott ergeben,
104
Lebt recht ein Heldenleben.

105
Der Hölle selbst entstiegen
106
Ist jedes blut'ge Siegen,
107
So nicht für Gott geschieht;
108
Zum Kampf soll sich bereiten
109
Der Christ, für Gott zu streiten,
110
Bis der ihn zu sich zieht.
111
Des Mutes woll'n wir stehen,
112
Sollt' alles auch vergehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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