Die zwei Hirten in der Christnacht

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Clemens Brentano: Die zwei Hirten in der Christnacht (1808)

1
Halton. Ich will dem Kindlein schenken
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Ein silberweises Lamm,
3
So viel ich mich bedenke,
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Kein schöners ich bekam;
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Es hat zur linken Seite
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Wie Blut so roth ein Fleck,
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Weis nicht, was der bedeutet,
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Und was dahinter steckt.

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Damon. Und ich schenk diesem Kinde
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Ein Kälbchen zart und klein,
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Mit rothen Bändern binde
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Ich ihm die Füßlein sein;
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Und so will ich es tragen
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Gar schön auf meinem Hals,
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Das Kindlein wird da sagen:
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Ach Mutter, mir gefallts.

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Halton. Und ich will ihm noch schenken
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Ein junges Böcklein schön,
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Es treibt wohl tausend Schwänke,
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Und bleibt nicht lange stehn;
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Es klettert, stutzt und springet,
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Und bleibt an keiner Stell,
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An seinem Halse klinget
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Ein goldnes Glöcklein hell.

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Damon. Und ich will ihm noch schenken
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Ein rothes Hirschkälblein,
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Sein Füßlein und Gelenke
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Sind gar so zart und fein;
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Da mirs auf grüner Straßen
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Im Wald entgegen kam,
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Ließ sichs ganz gerne fassen,
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Gieng mit und wurde zahm.

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Halton. Und ich will ihm noch schenken
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Ein schönes Eichhörnlein,
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Kann schnell herum sich schwenken,
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Ein hurtig Meisterlein;
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Das Christkindlein wird lachen,
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Wenn es die Nüßlein packt,
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Und schnell sie thut aufkrachen,
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Trick track wohl nach dem Takt.

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Damon. Und ich will ihm noch schenken
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Ein weises Häselein,
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Es ist voll tausend Ränken,
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Will stets bei Menschen seyn;
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Es wird beim Kripplein spielen,
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Und trommeln eigentlich,
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Die Schläge nieder zielen
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Mit Füßen meisterlich.

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Halton. Und ich will ihm noch schenken
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Ein wachsam Hündelein,
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So klug, man solls kaum denken,
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Es tanzet ganz allein;
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Es kann auch apportiren,
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Und stehen auf der Wacht,
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Sucht, was man thut verlieren,
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Was gilts, das Kindlein lacht.

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Damon. Und ich will ihm noch schenken
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Ein mausig Kätzelein,
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Ihm darf kein Härlein kränken
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Halton, dein Hündelein.
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Es läßt sich auch nicht beissen,
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Gar schnell sich widersetzt,
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Thut brüsten sich und spreissen,
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Bleibt immer unverlezt.

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Halton. Und ich will ihm noch schenken
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Ein Stückchen Einerlei,
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Mein, jetzo wirst du denken,
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Was dieses doch wohl sey?
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Zu deinem Kätzlein eben
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Will ich ihm noch dabei
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Ein pelzern Mausfall geben,
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So hats der Kätzlein zwei.

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Damon. Und ich will ihm noch schenken
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Ein muntres Täubelein,
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Das lauft auf Tisch und Bänken
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Mit seinem Schwesterlein;
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Ein Ringlein ihnen beiden
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Bezirkelt Hals und Brust,
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Aus Pflaum und Feder-Seiden,
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Recht farbig nach der Lust.

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Halton. Und ich will ihm noch schenken
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Zwo Turteltauben keusch,
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Die spreiten, heben, senken
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Die Flügel ohn Geräusch;
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Ihr Stimmlein, wie man spüret,
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Sind lauter Seufzerlein,
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Gott weiß, welch Leid sie rühret,
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In ihrem Herzelein.

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Damon. Und ich will ihm noch schenken
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Ein großen bunten Hahn,
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Der Haupt und Hals thut schwenken,
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Gleich einem edlen Schwan;
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Mit Sporn und Busch er gehet,
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Stolz als ein Rittersmann,
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Und Morgens fleißig krähet
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Der bunte Wettermann.

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Halton. Und ich will ihm noch schenken
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Ein Fink und Nachtigall,
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Die Kopf und Ohren lenken,
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Nach meiner Flöte Schall;
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Spiel ich die Schäferlieder,
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So kommen sie herbei,
103
Und pfeifen sie mir wieder
104
In ihrer Melodei.

105
Damon. Und ich will ihm noch schenken
106
Ein weißes Körbelein,
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An Balken soll mans henken,
108
Voll kleiner Vögelein;
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Ich selber habs geschnitzet
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In siebenthalben Tag,
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Ist neu und unbeschmitzet,
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Nicht gnug man's loben mag.

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Halton. Und ich will ihm noch schenken
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Ein schönen Hirtenstab,
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Mit Farben ihn besprengen,
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Wie es noch keinen gab;
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Die Kunst hab ich gelernet,
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Wie man es machen soll,
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Daß ganz er wird gesternet,
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Und bunter Flecken voll.

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Damon. Und ich will ihm noch schenken
122
Viel schöne Sachen mehr,
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Ja schenken und noch schenken
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Je mehr und je noch mehr;
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Auch Aepfel, Birn und Nüsse,
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Milch, Honig, Butter, Käß,
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Ach wenn ich doch könnt wissen,
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Was es recht gerne äß.

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Halton. Wohl dann, so laßt uns reisen
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Zum schönen Kindelein,
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Und unsre Gaben preisen,
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Dem kleinen Schäferlein;
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Ihm alles auf soll heben
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Die Mutter mit Bescheid,
135
Daß es ihm wird gegeben
136
Hernach zu seiner Zeit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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