Bei Andernach am Rheine

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Friedrich Schlegel: Bei Andernach am Rheine Titel entspricht 1. Vers(1800)

1
Bei Andernach am Rheine
2
Liegt eine tiefe See;
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Stiller wie die ist keine
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Unter des Himmels Höh'.
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Einst lag auf einer Insel
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Mitten darin ein Schloß,
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Bis krachend mit Gewinsel
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Es tief hinunter schoß.

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Da find't nicht Grund noch Boden
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Der Schiffer noch zur Stund,
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Was Leben hat und Odem,
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Ziehet hinab der Schlund.
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So schritten zween Wandrer
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Zu Abend da heran,
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Zu ihnen trat ein andrer,
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Bot ihnen Gruß fortan.

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»könnt, wie vor grauen Tagen
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Das Schloß im See versank,
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Ihr mir die Kunde sagen,
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So habet dessen Dank.
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Ich wandre schon seit Jahren
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Die Lande aus und ein,
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Manch Wunder zu bewahren
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In meines Herzens Schrein.«

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Der jüngste von den zween
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Bereit der Frage war.
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Er sprach, das soll geschehen,
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So wie ich's hörte zwar.
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»als noch die Burgen stunden,
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Lebt' da ein Ritter gut,
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In Trauer fest gebunden
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Grämt' er den stolzen Mut.

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Warum er das muß dulden,
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Hat keiner noch gesagt;
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Ob alter Väter Schulden
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Ihm das Gericht gebracht;
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Ob eigne Missetaten
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Ihn rissen in den Schlund,
39
Wo keiner ihm mag raten
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In offnen Grabes Mund.«

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So sprach von jenen Leiden
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Der jüngste an dem Ort,
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Der Fremdling dankt den beiden,
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Als traut' er wohl dem Wort.
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Der Alte sprach: »Mit nichten,
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Wie sprichst du falsch, o Sohn!
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Es soll der Mensch nicht richten,
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Find't jeder seinen Lohn. –

49
Wahr ist's, es hausen Geister
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Da unten wundervoll,
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Doch nimmer sind sie Meister,
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Wer wandelt fromm und wohl.
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Der Ritter gut und bieder
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War ehrentreu und recht,
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Noch rühmen alte Lieder
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Das edele Geschlecht.

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Nur daß so schwere Trauer
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Das Herz ihm hält umspannt,
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Drum sucht er öde Schauer,
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All' Freude weit verbannt,
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Und des Gesanges Klagen
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Sind seine einz'ge Lust;
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Nur diese Wellen schlagen
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Einsam an seine Brust.

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Wohl jene Wasser drunten
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Sind voller Klag' und Schmerz,
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Stets einsam wohnt dort unten,
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Wem sie gerührt das Herz.
69
Denn alles was vergangen,
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Schwebt lockend vor dem Blick,
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Es steigt aus dem Gesange
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Klagend die Welt zurück.

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Die Gegenwart verschwindet,
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Die Zukunft wird uns hell,
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Und was die Menschen bindet,
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Geht unter in dem Quell.
77
Wer in den Schwermutswogen
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Das Licht im Auge hält,
79
Hat hier schon überflogen
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Die Banden dieser Welt.

81
So dünkt mich, daß die Geister
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Durch Neid in ihrem Grab,
83
Ihn, des Gesanges Meister,
84
Zogen den Schlund hinab.
85
Wir sehn wie jedes Schöne
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Des Todes Wurm verdirbt.
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Schnell fliehen so die Töne,
88
Und der Gesang erstirbt.

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Wem alle Zukunft offen,
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Klar die Vergangenheit,
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Setzt oben hin sein Hoffen,
92
Flieht aus der starren Zeit.
93
Und wenn er nicht so dächte,
94
So haßt das Ird'sche ihn;
95
Wo es den Tod ihm brächte,
96
Lockt es ihn schmeichelnd hin.«

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So treten nun die Dreie
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Tiefer in dunkeln Wald,
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Wie er des Danks sie zeihe,
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Ersinnt der Fremd' alsbald.
101
»und liebt ihr denn Gesänge,
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Ich bin Gesanges reich,
103
So sollen Wunderklänge
104
Erfreun euch alsogleich.«

105
Es hebt von allen Seiten
106
Gesang zu klingen an,
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Bald klagend wie von weiten,
108
Bald schwellend himmelan.
109
Wie Meereswellen brausen,
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Bricht's überall hervor,
111
Mit Lust und doch mit Grausen
112
Hört es ihr staunend Ohr.

113
Der Fremd' ist nicht zu sehen
114
Doch scheint ein Riesenbild
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Fern übern See zu gehen,
116
Wie Abendwolken mild;
117
Und wie hinaufgezogen
118
Sehn sie, die ihm nachschaun,
119
Rauschen empor die Wogen,
120
Sehn es mit Lust und Graun.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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