Sankt Reinold

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Friedrich Schlegel: Sankt Reinold (1800)

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Sankt Reinold als Einsiedel war
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Der Andacht wohl ergeben,
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Vergessen hatt' er ganz und gar
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Des Ritters Lust und Leben.
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Er sucht sich seine Wahlstatt aus
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Bei Köln, der Stadt am Rheine,
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Daselbst zu baun ein Gotteshaus,
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Das wünscht er noch alleine.

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Der Bau war all sein Augenmerk,
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Er treibt es unermüdlich,
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Vollenden will er sehn das Werk,
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Sodann nur sterben friedlich.
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Schon sieht er, wie der Bogen springt,
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Der Chor an rechter Stelle;
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Und wenn des Turmes Kunst gelingt,
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Ist fertig die Kapelle.

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Vom Bauen ist Verdruß nicht weit,
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Herr Reinold muß es büßen;
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Die Knechte waren arge Leut',
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Die leben ihren Lüsten.
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Der alte Ritter sich ihm regt
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Ob diesem faulen Wesen,
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Treulich mit Fäusten er sie schlägt,
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Schilt sie mit frommen Reden.

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»wenn ihr zum Bau verdrossen seid,
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Die Hand in Schoß wollt legen,
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Mit Schwatzen bringen hin die Zeit,
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Den Leib in Wollust pflegen;
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So seid ihr schlimme Knechte wohl
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Vor Gott und aller Augen,
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Die man zur Arbeit zwingen soll,
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Daß sie zu Frommen taugen.«

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So treibt er's fürder Tag für Tag,
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Streng haltend auf dem Rechte;
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Vor Sonnenaufgang ist er wach,
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Treibt an die faulen Knechte.
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Kaum daß er sich gedulden kann
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Das Gotteshaus zu schauen,
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Da will er fürder beten dann,
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Sein Grab sich selber bauen.

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Indes die Knechte halten Rat,
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Wie sie ihn möchten fassen,
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Bereden sich zu schlimmer Tat,
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Weil sie sein Strafen hassen.
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Faulheit vor allem in der Welt
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Ist wohl die ärgste Sünde;
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Der Böse fest den Faulen hält,
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Die alte Tück' entzündet.

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Reinold, der redlich ihnen traut,
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Kam wieder da gegangen;
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Beginnen die zu murren laut,
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So sollt' es nun anfangen.
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Sie werfen nach ihm manches Stück,
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Furchtsam ihn zu umklammern,
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Bis endlich da er fällt zurück,
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Schlagen sie ihn mit Hammern.

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Als tot nun auf dem Boden lag
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Der fromme Herr im Blute,
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Da fliehn sie wie vom Donnerschlag,
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Verrückt in wildem Mute.
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Bauern des Weges fanden ihn,
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Die ihn sogleich erkannten;
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Erschrocken knien sie bei ihm hin,
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Für ihn zu Gott sich wandten.

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Prachtvoll ward er bestattet dann
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Mit Singen und Geläute,
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Die Fahne weht dem Zug voran
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Der schwarzen Trauerleute,
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Und in der schönen Fahne war,
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Auf buntem Schmuckgefilde,
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In schwarzer Farbe, brennend klar,
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Roß Bayard abgebildet.

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Panzer und Handschuh ziert den Sarg,
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Den Helmbusch sieht man wehen
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Am Steine, der den Helden barg,
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Glöcklein und Stab daneben.
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Und nun, wo er erschlagen war,
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Auf dieser selben Stelle,
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Ward neu errichtet ein Altar,
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Man zeigt noch die Kapelle.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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