Frankenberg bei Aachen

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Friedrich Schlegel: Frankenberg bei Aachen (1800)

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In des Maien linden Tagen
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Hört' ich die alte Sage,
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Dort wo bei warmen Quellen
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Die sanften Hügel grünend schwellen,
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Von dem Wunderringe,
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Der Kaiser Karol konnte zwingen,
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In Lieb' ihn binden,
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Daß er nach Aachens heitern Gründen
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Sich wie zur Heimat sehnte,
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So weit sein Reich sich dehnte,
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Vor allen Burgen, Landen,
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Gebunden hier, wo süße Lieb' ihn bannte.

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Spiegelhelle Seen,
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Ringsum die Büsche stehen
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Sah ich auf der Hügel Rücken,
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Wo zwischen Gängen, kleinen Brücken,
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Bäche durch den Wiesengrund hinfliehen,
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Schwäne auf den stillen Wassern ziehen,
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Kühl' und warme Wellen
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Aus einem Boden quellen,
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Kinder an dem Brunnen spielen,
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Die laue Luft so lind zu fühlen.
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Dort wo sich die Mauern zeigen,
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Trümmer aus dem See aufsteigen,
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Von grünem Schilf und Moos umgeben;
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Da hat das Wunder sich begeben,
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Daß durch mag'sche Kraft gebunden,
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Karl nicht eher Ruh' gefunden,
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Wie alte Sage uns berichtet,
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Bis er hier die Burg errichtet,
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Wovon die Spur wir froh noch schauen,
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Jedweden Frühling in den stillen Auen.

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In süßer Lust gefangen,
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Den sehnenden Schmerzen nachzuhangen,
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Bezaubert alle Sinne,
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Zwingt Karlen holde Minne,
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Dem tiefen Sehnen sich ergebend,
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Einzig sein Leben liebend, in Liebe lebend.
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Doch nimmer ward noch Minne
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Selig der sel'gen Schätze inne.
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Tod will mit Minne streiten,
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Ein bittres Ende süßer Lust bereiten,
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So muß auch Karles Herz vergehen,
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Die Huldin sterben sehen.

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Auch tot noch will er sich von ihr nicht trennen,
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Wähnt, das sie wieder ihn wird kennen.
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Das Grabmal zu durchschauen,
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Läßt er von Glas den Sarg erbauen,
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Und brünstig noch zu lieben
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Den süßen Körper fühlt er sich getrieben.
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An dem Sarge festgebunden,
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Schwinden ihm die schnellen Stunden.
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Nicht Durst noch Hunger fühlend,
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Spricht er mit seinem Schmerz nur spielend.
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Die Diener sehn mit Trauern
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Immer den wilden Wahn noch dauern;
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Da naht Turpin der Weise,
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Öffnet den Sarg so leise,
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Weil Karl, des Ohr wohl Zauber trafen,
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Auf einen Augenblick entschlafen,
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Und zieht den Ring vom Finger
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Der schönen Leiche, den Bezwinger
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Von Karles Herzen,
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Das frei nun wird von Schmerzen.
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Der Zauber ist verschwunden,
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Von dem Wahn entbunden,
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Will Karl schon entfliehen,
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Einsam auf Berge ziehen.
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Da sieht er stille Seen
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Vor seinen Augen stehen.
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Sind die Schmerzen gleich verschwunden,
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Fühlt er sich dennoch fest gebunden.
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Das stille Wasser ohne Wog' und Wellen
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Erregt im eignen Aug' die Quellen
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Gelinder Tränen;
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Unendliches Sehnen
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Will in die Tief' ihn ziehen,
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Er kann nicht fliehen.
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Hier hat den Zauberring versenket
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Der Weise, der auf seine Rettung denket;
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Drum nach den stillen Seen
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Muß sein Auge immer sehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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