»nun kann ich und will ich nicht weiter gehn

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Friedrich Schlegel: »nun kann ich und will ich nicht weiter gehn Titel entspricht 1. Vers(1800)

1
»nun kann ich und will ich nicht weiter gehn,
2
Sonst ist's um meine Füße geschehn;
3
Hier will ich unterkauern.
4
Dies soll zu Nacht mir ein Obdach sein,
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O seid nur so gut und brecht noch nicht ein!« –
6
Er meint die alten Mauern.

7
Der Pilger war ein redlicher Mann,
8
Nur wandelt' der Schlaf ihn oftmals an,
9
Drum kam er nie zur Stelle.
10
So saß er und aß sein Abendbrot,
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Es war die Stund' ums letzte Rot,
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Nicht dunkel und nicht helle.

13
Es tönt der Glocken Geläut von fern,
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Und obwohl schimmert manch heller Stern,
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Will nicht die Nacht beginnen.
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Schläft oder träumt er mit wachem Gesicht?
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Der Pilger weiß es selber nicht,
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Und kann sich nicht besinnen.

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Da kommen zwei Männer mit greisem Bart,
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Gekleidet nach der Doktoren Art,
21
Die zornig streitend schnaufen.
22
Der starke den schwächern am Barte zieht,
23
Ein Haar ist er nach dem andern bemüht,
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Ihm sauber auszuraufen.

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Kaum war er damit fertig doch,
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So kam ein andrer, der stärker noch
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Und ward sein wieder Meister.
28
Wie jener stritt, und wie er schrie,
29
Ein Haar genau nach dem andern, sieh!
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Ihm aus dem Barte reißt er.

31
So kommt ein vierter und fünfter zum Ort,
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Sie treiben's fürder immer fort,
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Ein jeder ward bezwungen;
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Bis endlich einer, ein Mönch fürwahr,
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Wie's an der Kutte zu sehen war,
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Dem ist es gut gelungen.

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Von Fürsten stand um ihn ein Heer,
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Die reichen die goldnen Kronen ihm her,
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Er drückt sie all' zusammen.
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Als wären sie Wachs, so drückt er und dreht,
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Der Mönch, der im Kreise der Herren steht,
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Beim Scheine nächt'ger Flammen.

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»wie groß ist doch dieser Geister Macht,«
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So hat der Pilger bei sich gedacht;
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»die kräftigen Gebärden!
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Die Herrlichen, wie sie da stehn und gehn,
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Wie glücklich bin ich, dies Schauspiel zu sehn!
48
Was wird's nur endlich werden?«

49
Des Schreiens und Streitens wird mehr und mehr.
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Die Ritter klirren und schlagen sehr,
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Wie sie die Wut betörte.
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Es lärmt ein jeder, so viel er will,
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Doch plötzlich wird es wieder still,
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Daß keinen Laut man hörte.

55
Da zeigt sich dämmernd fern ein Rauch,
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Und hier und dorten Flammen auch,
57
Die immer heller brennen.
58
Ach Dörfer sind's, daß Gott erbarm!
59
Und Weib und Kind, die nackt und arm
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Voll Angst durchs Feuer rennen.

61
Wie aber, sind die Menschen denn toll?
62
Es ist ihrer Leiden Maß ja voll,
63
Das Elend ungeheuer;
64
Nun machen sie sich Musik noch dazu,
65
Sie haben des Springens nicht Rast noch Ruh,
66
Und tanzen um das Feuer.

67
Der Pilger war ein guter Mann,
68
Der Jammer greift an das Herz ihn an,
69
Er weint manch heiße Träne.
70
Da tritt ein Zwerglein zu ihm hin,
71
Der lacht ihn an mit hämischem Sinn,
72
Und grinst in seine Zähne:

73
»du weinest verkehrt, o Menschenwicht,
74
Ich zeige dir wohl ein ander Licht
75
In dunkler Geisterstunde.
76
Die Armen dort wissen nicht, wer sie schlug;
77
Man lenkt sie heimlich mit weisem Trug,
78
Sie sind nicht mit im Bunde.

79
Bald ist vorüber der erste Schreck,
80
Dann magst du gebieten jedem Zweck,
81
Du wirst es dankbar spüren.«
82
So sprach der Zwerg, tat wohl bekannt
83
Und nahm vertraulich ihn bei der Hand,
84
Ihn in die Schlucht zu führen.

85
Hinunter geht es den Felsengrund,
86
Da liegt der feurige Höllenhund,
87
Der schleicht voll Grimm zur Seite.
88
Nach Stiegen und Gängen ohne Zahl,
89
Stehn sie im unterird'schen Saal,
90
Von unermeßner Weite.

91
Da sitzen der schweigenden Männer viel,
92
Die treiben ernsthaft ein seltsam Spiel,
93
Der Pilger sieht's mit Beben.
94
Und wie es dreimal ängstlich klopft,
95
Hätt' er wie gern die Ohren verstopft,
96
Er meint, es gilt sein Leben.

97
Die Männer winken, er soll sich nahn,
98
Er soll den Bruderkuß jetzt empfahn,
99
Dort oben sitzt der Meister.
100
Schon glaubt er, beginne der Weihe Fest,
101
Da hält ihn ein Totengerippe fest,
102
Zur Hölle sinken die Geister.

103
Dem Pilger wird es kalt wie Eis,
104
Er wischt sich von der Stirne den Schweiß,
105
Es schildern's keine Worte.
106
Er sinkt zu Boden in bitterm Gram;
107
Und wieder war, als er zu sich kam,
108
Er an dem vor'gen Orte.

109
»o, weh mir,« sprach der Pilger zu sich,
110
»wie weit noch von dem Lande bin ich,
111
Davon man doch geschrieben;
112
Wo Milch und Honig sich ergießt,
113
Der Wein von selbst in die Fässer fließt,
114
Sich alle herzlich lieben.«

115
Nun war es, als flösse rundum ein Meer,
116
Das wogte so hoch und wogte daher,
117
Und zog ihn mit im Kreise;
118
Da schwammen der Fischlein unzählig viel,
119
Die trieben sich, reckten die Köpfe zum Spiel,
120
So wie es der Fischlein Weise.

121
Wie frei er sich im Meer bewegt,
122
Die leichte Welle empor ihn trägt,
123
Er fühlt es mit Entzücken.
124
Da sieht er, wie hinter dem Kleinen drein,
125
Der Große schwimmt und schlingt ihn herein;
126
O was sind das für Tücken!

127
Daß einer stets den andern frißt,
128
Und des Verschlingens kein Ende ist,
129
Es dünkt ihn nicht geheuer.
130
Das Meer wird röter und endlich rot
131
Wie Blut, und schwimmt voll Leichen und Tod,
132
Es schnauben Ungeheuer.

133
Das Meer ist gleich, der Fisch ist frei,
134
Doch dieses Gefressenwerden dabei,
135
Es will ihm nicht behagen.
136
»viel lieber dien' ich dem schlimmsten Herrn,«
137
So spricht er, »auf festem Lande gern,
138
Und will als Knecht mich plagen!«

139
Hat irgend ein Geist den Wunsch erhört?
140
Er ruht im warmen Tal und hört
141
In Blättern Lüfte wehen.
142
Es gibt ihm Trost der Ruhe Genuß,
143
Nur daß er die Kleider noch trocknen muß,
144
Dann will er weiter gehen.

145
Doch als er in die Höhe schaut,
146
Hätt' er den Augen kaum getraut,
147
Es atmet alles Freude.
148
Am Hügel sieht er Zitronen blühn,
149
Es schimmert durch das heitre Grün
150
Das alte Prachtgebäude.

151
Wie sind die Marmorstufen so breit,
152
Die Säulen groß, die Gänge weit,
153
Es wehen Sommerlüfte.
154
Wohl mutig steigt der wandernde Gast
155
Hinan, und es betäuben ihn fast
156
Die vollen Blumendüfte.

157
Doch wie er sich müht und wie er steigt,
158
So hat er nie den Tempel erreicht,
159
Es wachsen stets die Treppen.
160
Es zieht ihn nieder, wie Blei so schwer,
161
Er freut sich nicht der Säulen mehr.
162
Was mag er nach sich schleppen?

163
Ist's etwa jenes steinerne Bild,
164
Zu dem er sich wendet und mit ihm schilt:
165
»was gehst du mir zur Seite?«
166
Das Bild hat wohl nicht Redens Brauch,
167
Doch steht er still, so steht es auch,
168
Und geht er, geht's zur Seite.

169
Noch will er sich des Mannes befrein,
170
Da wird er gedrückt von andern zwein,
171
Die auf der Schulter ihm sitzen;
172
Und als er die zu Boden geschwenkt,
173
Sieht er vier kleine fest gehängt
174
An seines Kleides Spitzen.

175
Wie sich vermehrt der Bilder Zahl,
176
Je höher steigt auch seine Qual,
177
So ärger er umklettet.
178
Als würd' er selbst zu Stein und Erz,
179
So fühlt er angstbedrückt sein Herz
180
Sich innen festgekettet.

181
»was sollen die steinernen Dinge, traun!
182
Viel besser wär' es den Acker baun
183
Und seiner selbst genießen.«
184
Des Steigens ist er endlich satt,
185
Er fühlt sich recht von Herzen matt
186
Und kann sich nicht entschließen.

187
Jetzt aber erhebt sich ein kühlender Wind.
188
Es weht ihm um die Stirne lind,
189
Der Pilger soll erwachen.
190
Ein Traum nur war gewesen, und nichts
191
Die Gaukelei des Schattengesichts,
192
Zum Spott und Graun und Lachen.

193
Die Morgensonne begann den Lauf,
194
Da schlug er vollends die Augen auf,
195
Und furchte sich der Reise.
196
»wie dort der Stier am Pfluge zieht;«
197
So sprach er: »der Pflüger singt sein Lied
198
Nach ländlich froher Weise.

199
Was sollt' ich weiter wandern und gehn,
200
Ich kann es alles am Orte ja sehn,
201
Und nehme Teil am Ganzen.
202
Ich habe es weit und breit gesucht,
203
Ich habe es wachend und schlafend versucht,
204
Nun ist es Zeit zum Pflanzen.

205
So wird man doch vernünftiger stets,
206
Nicht immer mit der Jugend geht's,
207
Das sind nur schöne Worte.
208
Wie hab' ich nicht gesorgt und gestrebt,
209
Wie manches nicht im Traum erlebt
210
Und kam doch nicht vom Orte.«

211
Es war um des Pilgers Mut geschehn;
212
Sonst hätt' er mögen nach Hause gehn,
213
Von wo er hergekommen.
214
Nun blieb er eben wo er war,
215
Und freut sich all' der Weisheit fürwahr,
216
Die er im Traum vernommen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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