Hans Sachsens Tod

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Clemens Brentano: Hans Sachsens Tod (1808)

1
Als man schrieb um Weihnachten
2
Gleich Sechs und Siebenzig,
3
Mich da aufwachen machten
4
Die Nachtraben frostig,
5
Daß ich nicht mehr konnt schlafen,
6
Mich trafen
7
Gedanken allzuviel.
8
Da kam mir vor mein Wandern,
9
Und was ich trieb darin,
10
Mir fiel ein unter andern,
11
Wie viel Hans Sachs vorhin
12
Macht Lieder, geistlich Geschichte,
13
Gedichte,
14
Fabeln, Gespräch und Spiel,
15
Und wie es fromm',
16
Und Nutz draus komm',
17
Wohl jedem, der sich des annomm'.
18
Indem entschlief ich wiederum,
19
Und Morgens drauf mir in den Sinn
20
Ein fröhlich Traum da fiel.

21
Mich däucht, ich reist' aus rüstig,
22
Und kam zur Mayenzeit,
23
In eine Stadt groß, lustig,
24
Von Häusern schön bereit,
25
Die Wohnung der gedürsten (kühnen)
26
Reichsfürsten
27
War mitten in der Stadt.
28
Und auch ein Berg hoch, grüne,
29
Darauf ein schöner Gart,
30
In Freuden war ich kühne,
31
Weil drin gepflanzet ward
32
Wohl mancher Baum voll Früchte,
33
Gezüchte,
34
Pomranzen und Muskat,
35
Mehr fand ich drein
36
Rosinlein fein,
37
Mandlen, Feigen, allerlei rein
38
Wohlschmeckend Früchte, groß und klein,
39
Genoß viel Volk da insgemein,
40
Das drin spatzieret hat.

41
Mitten im Garten stande
42
Ein schönes Lusthäußlein,
43
Darin ein Saal sich fande,
44
Mit Marmor pflastert fein,
45
Mit schön lieblichen Schilden
46
Und Bilden,
47
Figuren frech und kühn.
48
Ringsum der Saal auch hatte
49
Fenster geschnitzet aus,
50
Durch die man all' Frucht thate
51
Im Garten sehen draus.
52
Im Saal stand auch ohnecket
53
Bedecket
54
Ein Tisch mit Seiden grün
55
An selbem saß
56
Ein Altmann blaß,
57
In einem großen Buch er las,
58
Hätt einen langen Bart fürbas
59
Grauweis, wie eine Taub er saß
60
Auf einem Blatte grün.

61
Das Buch lag auf dem Pulte
62
Auf seinem Tisch allein,
63
Und auf den Bänken, gulden,
64
Mehr andre Bücher fein,
65
Die alle wohl beschlagen
66
Da lagen,
67
Der alt Herr nit ansah.
68
Wer zu dem alten Herren
69
Kam in den schönen Saal,
70
Und grüsset ihn von ferren,
71
Den sah er an diesmal,
72
Sagt nichts und thäte neigen,
73
Mit Schweigen
74
Gen ihn sein alt Haupt schwach.
75
Dann Rede und
76
Gehör begunnt,
77
Ihm abzugehn aus Altersgrund.
78
Als ich nun da im Saale stund,
79
Und sein alt lieblich Antlitz rund
80
Beschaute, dacht ich nach.

81
Die große Stadt und Garten
82
Ein finstre Wolk bezug,
83
Daraus blitzt in mein Warten
84
Ein Feuerstrahl und schlug
85
Ein Donnerstrahl erbittert
86
Es zittert
87
Alles an dieser Stätt.
88
Ob diesem harten Knallen
89
Erschrack der alte Herr,
90
That in ein Ohnmacht fallen,
91
Bald ein Platzregen schwer
92
Ein Wasserfluth thät geben,
93
Die eben
94
Sehr großen Schaden thät
95
Zween Tag hernach
96
Der alt Mann schwach
97
Starb, ihm gab ichs Grabgleit hernach,
98
Mein Herz mit Weinen laut durchbrach,
99
Drob mich mein Weib aufweckt ich sah
100
Daß ich geträumet hätt.

101
Weihnachten, ach Weihnachten,
102
Du warst der Kinder Trost,
103
Die noch im Schlafe lachten,
104
Du Schlaf mir bald entflohst,
105
Die Stunden hell mir schlagen.
106
Wem sagen
107
Sie an den Tag so schnell,
108
Mein Wächter ist da drüben,
109
Er sagt mir an den Tag,
110
In Schmerzen vorzuüben,
111
Was hohe Lust vermag.
112
Zur Kirch bin ich gegangen,
113
Vergangen
114
War mir Verzweiflung schnell,
115
Es bleibt zurück
116
Ein säumend Glück,
117
Und in den Traum ein tiefer Blick,
118
Wie in der Kinder Aug entzückt,
119
Wie ich sie halb noch schlafend drück,
120
Süß springt der Augen Quell.

121
Des Traumes deutend Summen
122
Ich nun ermessen kann:
123
Soll alle Lust verstummen,
124
Erstirbt ein hoher Mann?
125
Die Thränenfluthen brausen
126
Mit Grausen,
127
Der Menschen Haus versinkt!
128
Der Alte steigt als Taube
129
Verjünget aus der Fluth,
130
Mit einem grünen Laube
131
Im Schnäblein sorgsam gut,
132
Auf einem Buch sie sitzet,
133
Das blitzet,
134
Und schwimmt und nicht ertrinkt,
135
Mit Perlen ist
136
Beschlagen, wißt,
137
Das wars, was da der Alte liest,
138
Als er die arme Neugier grüßt;
139
Dies Buch such auf du frommer Christ,
140
Das dir den Frieden bringt.

141
Die Schmerzensfluthen weichen,
142
Der Berg bleibt unverletzt,
143
Die neuen Menschen gleichen
144
Den Stämmen, die versetzt,
145
Es treibt sie edler Leben,
146
Sie geben
147
Nun edle Früchte nur.
148
Es wird aus Erdenschlünden
149
Das Buch der Vorzeit mein,
150
Und ihre schweren Sünden
151
Sind abgewaschen rein,
152
O wollt das Trauren stillen,
153
Will füllen
154
Mosaisch jede Spur,
155
Am Boden hell
156
Der Himmelsquell
157
Ist eingelegt, so Well auf Well,
158
Die Taube bleibet mein Gesell
159
Und trinkt des Buches ewgen Quell,
160
Gottes Wort in der Natur.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.