An A.W. Schlegel

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Friedrich Schlegel: An A.W. Schlegel (1800)

1
Wohl mancher leuchtende Frühling grünte,
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Und mancher Sturmwind hat getobt,
3
Seit jugendlich sich der Mut erkühnte,
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Und wir den hohen Bund gelobt;
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Es brach die Welt, sich wandelnd, schwankte,
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Daß irrend alles abwärts wankte,
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Doch unsre Freundschaft blieb erprobt.

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Es rührt erquickend die Liebesfreude
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Im Sturm des Lebens an die Brust,
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Ja hier ist vor des Geschickes Neide
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Die schönste Freistatt uns bewußt.
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Nur ist das holde Glück vergänglich,
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Die ird'sche Blüte zart und kränklich,
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Ein Hauch ertötet ihre Lust.

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So wandelt alles, was blüht und schwindet,
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Nur eines steht unwandelbar.
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Wie sich die brausende Woge windet,
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Der Himmel wölbt sich fest und klar;
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So strahlt in uns die starke Treue,
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Frei von Begier und frei von Reue,
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Durch allen Wandel hell und wahr.

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Laß Wellen denn über Wellen fliehen,
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Wir haben's höher wohl gemeint;
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Laß wilder den Sturm zusammenziehen,
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Wir bleiben Eines Ziels vereint.
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Wenn wir den Mut nicht sinken lassen,
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So dürfen wir den Glauben fassen,
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Daß noch ein heller Stern uns scheint.

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So wie zwei Kämpfer, die heimlich steigen
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Zu Nacht die Felsenkluft empor,
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Den Waffenbrüdern den Weg zu zeigen,
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Und zu erspähn das stille Tor;
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Wenn sie dann endlich durchgedrungen,
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Des Sieges Fahne hoch geschwungen,
35
Da strahlt die Sonne licht hervor.

36
So wandelten wir dem Ziel entgegen
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Wohl einsam auf dem steilen Pfad;
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Nun laß sich freudig den Mut bewegen,
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Und herrlich blühn die volle Saat.
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Der Schätze sind noch viel verborgen,
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Wie sollten wir noch ängstlich sorgen,
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Da der Erfüllung Stunde naht!

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Wie sollte der Unmut sich dein bemeistern
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Ob eitler Knaben schnödem Spiel,
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Ob einer auch von den bessern Geistern
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In Knechtes Wahn erniedert fiel?
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Laß unverzagt uns vorwärts schreiten;
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Dir schlummern in den goldnen Saiten
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Noch unbekannter Kräfte viel.

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So wie der Gießbach über die Klippen
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Mit wildem Strom zur Tiefe flieht,
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So braust begeistert mir von den Lippen,
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Ein ungeregelt Heldenlied;
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Weil dir der Dichtkunst Füll' entfaltet,
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Dem Auge rein und klar gestaltet,
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Die Seelen magisch an sich zieht.

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Laß nicht die Schwermut den Geist bezwingen,
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Weil noch der Himmel donnernd droht;
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Auf sah man herrlicher stets sich schwingen
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Den deutschen Geist aus Sturmesnot:
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Wie nach des Blitzes Flammenschlägen
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Der Erd' entquillt der vollste Segen,
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Ein neuer Frühling aus dem Tod.

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Laß denn hervor die Taten wallen
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Der alten und der neuen Zeit,
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Und frei den vollen Gesang erschallen,
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Zu unsers Volkes Ruhm geweiht!
68
Die Vorwelt sei der Zukunft Spiegel,
69
Die Zeit empfängt in diesem Siegel
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Die Weihe der Unsterblichkeit.

71
Ein jedes freue sich seiner Stelle,
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Der Zeiten Streit verwirrt uns nicht;
73
Ein jeder labe sich an der Quelle
74
Und hell sei jedes Angesicht;
75
Dort, wo sich alle Zweifel lösen,
76
Trennt sich das Gute von dem Bösen
77
Im ewig heitern klaren Licht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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