Weihe des Alten

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Friedrich Schlegel: Weihe des Alten (1800)

1
Nimm den Becher zur Hand, den freudigen,
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Freund vom Freunde nur dreist!
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Dunkelgolden rollet der Wein
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In des hellen Kristalles Blitzen;
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Es schwebet zum Haupt auf
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Duftiger Blume kühlendes Feuer.
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Trinke hinunter die Glut,
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So schwillet der Jugend Herz
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Selig von Kraft und liebender Freude.
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Ergreife kühnlich den Zauberbecher!
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Du bist göttlicher Art,
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Jugendlich heldengesinnt.
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Sei du trunken nur stets,
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Und spotte der Furcht,
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Grün umlaubt von Frühling das Haar,
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Ewiglich treu der goldenen Dichtkunst,
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Wie es uns Deutschen geziemt.
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Wer gekostet des heiligen Weins,
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Dem entweichen die Schleier.
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Wo der Freudige naht,
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Hauchet Sommerwonne die Luft,
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Lüstern öffnet die Rose den Kelch;
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Der höchsten Gebilde
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Heilige Schönheit schauet das Auge,
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Rein der Hülle entstiegen.
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Nackte Reize umspielt
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Wollustschlagend das Meer
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Allseliger Liebe.
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Gerne sinkt er hinab,
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Mit verschlungen im Meer;
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Alles Leben ist sein,
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Alle Wesen nur eins,
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In heißer Freude verschlungen,
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Von tiefer Sehnsucht durchdrungen,
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Alles nur Lust und Begierde,
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Schwellend von üppiger Schönheit
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Innig umfangender Liebe;
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In des heiligen Frühlinges Garten
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Die Fülle der Rosen,
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Jeder Rose entquollen
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In neu erzeugten Gebilden
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Das schöne Wunder des Leibes,
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Liebliches Lebensgeheimnis.

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Ahndest du, was dich durchdrang?
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Du bist männlich und stark,
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Erd' umfassend dein Herz.
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Fühle nun auch den Tod
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Kalten Zornes im Stein,
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Schaue des Abgrunds ewige Greuel,
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In der Tiefe untern Kammern
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Die ungeheuersten Schrecken,
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Grimmgefesselter Tiere
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Alte Riesengebilde,
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Ewig da wütend im Schmerz.
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Steige mein Freund, in den Schacht
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Kühn des Todes hinab!
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Dunkel rieselt da unten
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Heimlich der Liebesquell.
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Da ist Sehnsucht und kindliche Trauer
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Aus dem Herzen der Mutter,
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Strebet ängstlich zu sterben,
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Möchte in Liebe vergehn.
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Selten nur dringet ein Strahl
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Aus dem verborgenen Quell
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Auf in das irdische Herz,
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Das dann die Vergangenheit fühlt,
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Wehmutzerrissen von wilder Betrübnis.

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Schrecken bleibe dir fern!
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Immer der Freude geweiht
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Laß dich königlich kränzen,
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Du bist König, mein Sohn.
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Leben im Leben erzeugen,
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Selber töten den Tod,
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Solches vollbringet die Kunst!
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Ich selber kann es nicht mehr.
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Zwar es schlägt flammend noch immer das Herz;
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Aber von außen
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Härtet sich eisern die Brust.
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Schnee umkränzt das Haupt, das gewaltige,
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Es senket sich leise;
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Des Himmels herrlicher Mantel,
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Sternendurchwirktes Blau,
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Lastet nieder den Alten.
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Schlage denn du mein Lied,
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Licht und Leben vermischt,
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Nur ein feuriges Meer,
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Erdumrauschende Woge!
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Laß den Zauber erklingen,
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Daß gebärend die Luft sich gestalte,
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Kindlich umkränzend spielen
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In Wunderformen die Sterne,
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Alles Gewächse in Blüte entzündet,
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Selbst der Felsen, der harte,
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In trüber Erinnerung
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Bebend innerlich weint,
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Wütend das Tier sich zerstört,
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Alles Nichtige sterbe,
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Aus der Vergangenheit Schoß
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Dunkle Sonnen erwachen.
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Mutig vollführ' es als Held!
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Mich entreißet der Sturmwind,
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Ruhe nun balde ewiglich heiter
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Auf dem strahlenden Thron,
104
Allen Heldengeistern vereint. –
105
Sei mir gegrüßt, mein Sohn!
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Wenn ich den Leib dir nicht zeugte,
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Hab' ich den Mut doch entflammt,
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Dir hohe Sterne gezeigt,
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Und allen Segen gespendet,
110
Drücke dich herzlich ans Herz,
111
Du mein Freund und mein Sohn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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