Vergaßt auf ewig ihr der hohen Ahnen?

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Friedrich Schlegel: Vergaßt auf ewig ihr der hohen Ahnen? Titel entspricht 1. Vers(1800)

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Vergaßt auf ewig ihr der hohen Ahnen?
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Ihr uneins all', an Stumpfheit alle gleich,
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Gelehrte, Laien, Herrn und Untertanen!

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Ach schmolz der Väter Tugendkraft so weich,
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Die einst wie Rom so Schwert als Griffel führten,
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Bald welterobernd, bald von Kunstsinn bleich,

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Das Rittertum durch Caesars Würde zierten,
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Der neuen Dichtkunst vollsten Strom ergossen,
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Europa, eh' die Kirche brach, regierten?

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In Deutschland war der heil'ge Krieg entsprossen,
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Als Deutschland sich im Frieden ganz zerstörte,
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Da war das letzte deutsche Blut geflossen.

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Noch da gab's Stimmen, einen kaum der hörte.
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Von Fürsten Recht, bei Bürgern edle Sitte,
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War wen'ger Ziel, seit sich das Reich verkehrte.

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Was mögen einzle, fehlt die große Mitte?
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In Taten hat uns Gottes Will' umschränkt,
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Die Kraft der Kunst gewährt er sonder Bitte.

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Schon früh hat uns Gelehrsamkeit getränkt
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Mit alter Völker Mark. Zur Geistessonne
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Wird Kraft und Kunst durch stillen Bund gelenkt.

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Aus süßer Poesie quillt ew'ge Wonne,
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Durch Religion entzünd't sich lichte Güte,
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Dem Denker ist Natur der Lebensbronne.

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Was Hellas schlau ersann, was Indien blühte,
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German'scher Männer Lied wird's neu entfalten,
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Wie zornig blinder Pöbel gegenwüte.

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Ich sagte zweimal Uns. Die Worte galten
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Den Heldenkünstlern, die sich selber nennen;
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Denn nimmer kann solch Feur wie dies erkalten.

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Die Nachwelt wird sie glorreich anerkennen.
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Wer will, sei mit im Uns. Die sind verstoßen,
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Die nach dem Nichts, von Gott verlassen, rennen,

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An Religion und Dichtkunst sich erboßen,
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Von der Natur Mysterien nichts nicht wissen,
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Zu sich in Kot das Heil'ge niederstoßen.

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Solch Sündenvolk, die leicht schier von Gewissen,
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Im Herzen schlaff, von Sinnen stumpf, nicht merken,
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Daß sich der Nacht ein Weltall neu entrissen,

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Mag ewig Gott im Totenschlaf bestärken,
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Bis kraft des jüngsten Tags zuletzt sie wachen,
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Eh' sie zergehn samt ihren nicht'gen Werken.

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Wer Feuer, Wasser, Luft, die ersten Sachen
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Aus tiefer Seele liebt, kann's nie mehr lassen,
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Schwömm' auch allein auf weitem Meer sein Nachen.

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Er muß im Mittelpunkt den Erdgeist fassen,
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Metalle, Menschen, Pflanz' und Tier begreifen;
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Wo Licht und Sonne fern, das Träge hassen.

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Was Stoff, der Formen Sinn, wie Sterne schweifen,
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Dreiein'ger Kräfte Wechselspiel; die Frucht
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Muß golden ihm am Baum der Weisheit reifen.

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Zu Gott zurückfliehn will des Lebens Flucht;
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Geweiht bleibt ewig, wer Gott einmal schaut,
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Nie füllt sein Tun die bodenlose Sucht.

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Dies, Pöbel, ist das Feur, vor dem dir graut!
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Die lang verschloßne Kraft ist aufgelodert;
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Kein Wasser kann sie still'n, sie brennt zu laut.

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In sich hat sich der Geist von sich gefodert,
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Des Wissens Tief' entsteigt neugrün die Erde;
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Der alte Schutt bleib' immerhin vermodert.

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Der Meister sinnt schon freudig von Gebärde,
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Sein Haupt als Priester der Natur umkrönend,
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Und spricht zur Hierarchie der Kunst sein Werde.

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Vom Himmel fließt dies Zauberlicht, und tönend
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Begleitet der das Schöpferwort, des Kraft
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Zur Mitte dringt, die alte Nacht versöhnend.

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Ich sprach es aus und sah, wo keiner gafft,
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Im innern Licht der Geister Weltenbau,
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Sah lebend, was zum Schein der Tod gerafft;

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Am Boden funkelt hell der Liebe Tau,
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Der Bildung Mark durchströmt die Wunderpflanze,
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Zum Dach wölbt Fantasie ihr lichtes Blau.

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Es wächst und blüht der Säulen Chor im Glanze;
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Des Tempels Bau vollendend zu enthüllen,
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Weihn am Altar sich die im Dichterkranze,

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Aus deren Blick schon Lichtes Ströme quillen,
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Und schwören alle bei des Himmels Rosen,
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(der Eid sei höchstes Ziel auch meinem Willen):

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Mit Flammen soll der Jüngling fröhlich kosen,
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Des Mannes Fuß ersteigt des Weltalls Stufen,
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Dem Stab des Meisters schweigt der Meere Tosen.

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Wohl seid ihr taub, sonst hört ihr jetzt mein Rufen!
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Der Tempel grünt in euch; in euch noch leben
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Die Kräfte so das Altertum erschufen.

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Dringt Jüngling' ein! Ernennt durch tapfres Streben
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Euch selbst zu Herrn und Fürsten jeder Kunst;
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So wird die Kirche sichtbar sich erheben.

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Ihr habt der Liebe Mut, der Götter Gunst,
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Ihr schautet die Natur im Heiligtume;
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Entflammt die ganze Welt zu Einer Brunst!

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Eu'r Tempel wachse groß zu Deutschlands Ruhme.
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Der Grund ist fest, und hoch im Zentrum sprießt
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In königlicher Pracht der Dichtkunst Blume.

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Europas Geist erlosch; in Deutschland fließt
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Der Quell der neuen Zeit. Die aus ihm tranken,
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Sind wahrhaft deutsch; die Heldenschar ergießt

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Sich überall, erhebt den raschen Franken,
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Den Italiäner zur Natur, und Rom
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Wird wach und Hellas, dessen Götter sanken.

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Bleibt jung, gedenkt der Ahnen; das Phantom
101
Der trägen, toten Meng' ist nur ein Splitter,
102
So dämmen will der Zeiten Riesenstrom.
103
Des Geistes heil'gen Krieg kämpft treu wie Ritter!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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