Prolog zu Lessings Nathan

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Friedrich Schlegel: Prolog zu Lessings Nathan (1800)

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Unzählig sind die frohen Kinder meiner Lust,
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Die ich aus dunkelm Schoß erzeugend aufgebracht,
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Daß sie nun Himmel atmend lichte Sterne schaun. –
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Was auf des Frühlings grünem Teppich munter spielt,
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Mit mutigen Gesellen jugendlich vereint,
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Und frei sich seines Lebens freut in raschem Kampf,
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Im Spiel der heißen Triebe; oder was auch still
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Verborgen, leise Schönheit duftet in dem Grün,
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Aus offnem Kelche dann dem Licht sein eigen Bild,
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Ein kleiner Farbenhimmel, kindlich wiedergibt,
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In einen Blick und Freudenblitz den Geist verhaucht;
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Ja, was nur atmet, grünet, lebet und sich sehnt;
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In allem atmet, schlägt und regt, sehnt sich und treibt
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Die eine alldurchdringend nie durchdrungne Kraft,
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Der treuen Mutter ewig liebeschaffend Herz.
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Doch wenn die Sommerlust entflohn, die Pracht verblüht,
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Von Schmuck entblößt, ganz traurend nur ich schein' und kalt,
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Dann denkt das Herz in stiller Tiefe andres aus;
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Ein sinnreich künstlich Bilden schafft der kühne Fleiß,
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Vielfach verschlungen webend, was er schlau erdacht.
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Oft wenn die Laune eigenwillig es befiehlt,
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Ein scherzend Spiel nur, denn die wildeste Gestalt,
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Die sonderbarste ist's, die sich der Witz erwählt.
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Der Worte rätselvoll verworr'n sinnbildend Spiel
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Wird hier erdacht; und was den Menschen wohl bewegt
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Zu staunen über seines Gleichen, daß der Mensch –
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Dies wundervoll Gewächse, gottverwandte Tier,
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Des Lebens Blume, helles Aug' und Freudenlicht,
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Der Mutter höchste Lust und lieblichstes Geschöpf –
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So wundervoll gebildet und gebaut sein kann;
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So seltsamlich gemischt in seinem Hirn der Ernst
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Und Laun' und Spott, sinnreicher Witz und Lieb' und Zorn,
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Allmächtiger Gedanken schaffendes Geheiß,
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Und wieder tiefes Sehnen, leiser Wünsche Hauch
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In stiller Brust und sanfte Demut, zarte Scheu;
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So eigen jeder, eine kleine Welt für sich.
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Denn mir mißfällt von Herzensgrunde was nur gleich
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Sich selbst einförmig wiederholend immer bleibt.
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Was ich mit Lieb' und Lust erschaff', ist mannichfalt,
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Und frei und kühn, und mutig bahnt sich's neuen Weg.
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So schuf ich einst in stiller heitrer Winternacht
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Da jeder Stern am Himmel freundlich niederschien,
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Ein reichbegabtes lichtanstrebendes Gemüt.
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Ein Künstler, sann ich, soll es werden mir zur Lust,
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Mit schlauen Sinnen reich versehn und heiterm Geist,
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Voll tiefer Absicht, allbeginnend, fein gewebt;
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Und wie ich nun so sinnend bilde die Gestalt,
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In sie vertieft, trifft mich, ich weiß nicht wie, ein Zorn,
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Indem ich an das Schlechte denke in der Welt,
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Das Ungeziefer, das den schönen Garten mir
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Geschändet, wüster Zeiten Unkraut und Gewächs,
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Das schlechte Machwerk, das zum Spott nur Leben äfft.
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Und wie ich nun den Sohn betracht' und seine Not,
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Die er in buntverwirrter Welt wohl bald erlebt,
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Schulmeister, Anverwandte, Publikum, Geschwätz,
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Die Menge Bücher, Handel und Betriebsamkeit,
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Den Rat der Narren, Obrigkeit und tolles Zeug;
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Wie heiß ich war von Zorne, lacht' ich dennoch laut.
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So ging durch eigne Unvorsichtigkeit mir gleich
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Die schönste Bildung fast zerstückt! Da ward mir's leid;
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Ich nahm den jungen Geist und taucht' ihn ein in Stahl,
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Auf daß er eisenkräftig würde, Pöbels Tun
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Und Schrei'n nicht allzu zart empfänd'; ich haucht' ihn an,
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Und Feuer regt sich glühend in der Adern Schlag.
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Da blickt er zu mir auf voll Dank; ich lächl' ihn an,
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Und von dem Lächeln leuchtet noch sein Falkenblick,
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Und heitres Licht wohnt auf des Sehers heller Stirn.
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So warf ich an des Lebens kalten Strand ihn aus;
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Er immer rege, forschend, wandelnd, stets bemüht,
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Umfragend, ward des rechten Weges bald gewahr;
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Den andern deutend bahnt er selber kräft'ge Spur;
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Und trat ihm Dummheit, platter Pöbel in den Weg,
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Da sprüht er hellen Witzes Funken weit umher,
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Und manchen traf der tödlich schneidend scharfe Schlag.
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So blieb der Teure stets mein lieber teurer Sohn,
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Sein Angedenken mir im Herzen fest und wert;
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Und tret' heraufgestiegen, Göttin, kühnlich auf
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Zu dieser seiner Namensfeier, das Gedicht,
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Wo sich sein Geist am reinsten selber ausgedrückt,
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Zu loben, deuten, anzukünden. Ein Gedicht,
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Wo all den Trotz ihr find't, Mutwill' und spröde Kraft,
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Die gute Laune, was ihr sonst an ihm verehrt,
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Und wahrlich auch das grade Herz, den lichten Ernst.
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Drum laßt es euch nicht irren, wenn nicht alles gleich
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Vortrefflich ausgebildet und gefeilt hier ist,
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Und nur wie man im Zimmer, auf dem Markte spricht,
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Die Prosa hier gesprochen wird, die Menschen auch
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Nicht alle gleichbedeutend immer geistvoll sind.
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Das lautre Gold ist dennoch gut, wer es auch bringt;
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Der Wahrheit Gold in schlichte Fabel eingewürkt.
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Und wenn der König hie und da nicht edel spricht,
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So ist der Bettler dafür königlich gesinnt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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