Lob der Frauen

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Friedrich Schlegel: Lob der Frauen (1800)

1
Ein göttlich Spielwerk strömt die schöne Welt
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In lichter Lebensfülle,
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Des schönsten Wesens Hauch in alle Sinne;
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Das ew'ge Bild glänzt neu in jeder Hülle,
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Gießt Kraft ins Herz, und hält
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Das trunkne, daß in Freud' es nicht zerrinne.
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Du heil'ge, lockst den Geist zu ew'ger Minne,
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Natur! im Abgrund schön, wie in den Funken
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Des Lichts, im Tod und in des Lebens Welle;
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Du aller Schönheit Quelle,
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Aus deren üpp'gem Schoße sonnentrunken
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Das mut'ge Tier entquillt, die holde Pflanze,
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Der vollen Erde Brust zum bunten Kranze.

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Doch müssen alle Erdenkinder weichen
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Dem hohen Menschenbilde,
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Aus dessen Aug' das All sich selbst beschaut,
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Des kühnes Haupt am himmlischen Gefilde
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Die Sterne mag vergleichen,
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Und deuten, was im fernen Morgen graut.
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Aus allen Zeiten, Zungen fließt Ein Laut,
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Wie Sonn' und Erde Eins im Lichte strahlen,
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Vergangne, künft'ge, jetz'ge Geister bindend,
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Die heil'ge Kunst erfindend,
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Und bildet ew'ger Liebe süße Qualen.
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Der Mensch nur lächelt, selbst sein holder Spötter;
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Aus seinem Haupt entsprangen alle Götter.

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Das Urbild solcher Bildung blüht im Weibe;
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Es ist der Menschheit Blume,
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Die selig duftet stille Liebesflammen.
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Der Frauen Reiz nur glänzt im lichten Ruhme;
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Aus ihrem süßen Leibe
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Blitzt Kraft in jene, die vom Himmel stammen.
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Schmilz aller Männer Macht und Geist zusammen;
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Was groß und würdig, mögen sie erringen,
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Zur Schönheit wird die Freud'gen Lieb' entzünden.
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Den Gott im Werk verkünden,
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Lehrt Lieb' und auch durch Tat zu ihm sich schwingen;
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Und Liebe kann der Milden Hand nur geben,

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Die kindlich der Natur im Schoß noch leben.
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Nie hat so treu der Freund den Freund gefunden,
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Als sanfte Frau'n oft waren,
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Wenn's mutig galt, ans Herz des Liebsten hin
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Zu dringen durch den Tod und durch Gefahren;
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Dem Einz'gen fest verbunden,
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Nichts achtend allen Glanz und Weltgewinn.
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Aus tiefer Lieb' erzeugt und zartem Sinn,
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Blüht schön in Frau'n der Tugend milde Frucht,
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Verstand und Frieden glänzt vom Angesichte,
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Das Aug' in heiterm Lichte
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Blickt freundlich lächelnd auf des Lebens Flucht;
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Der Frauen Geist beseelt der Freude Bund,

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Da lächelt jeder Schmerz sich bald gesund.
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Das Kind saugt Liebe aus der Mutter Brust
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Es ruht der Knab' im Schoß,
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Der Jüngling ehrt ihr Aug' als sein Gestirn;
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Des Mannes freudig Herz erschwillt ihm groß
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Beim Anblick solcher Lust,
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Er kränzt mit Ehr' und Ruhm die würd'ge Stirn.
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Nichts Höhers denkt des Sehers weises Hirn
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Als dich, Natur! Kein Wesen aber gleichet
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So nah dir als der Mutter Kraft und Tugend,
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Die jung in fremder Jugend,
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Des Mitgefühles tiefste Tief' erreichet,
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Und schwelgend in der Erde schönster Fülle,
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Des Lebens Adel zeigt in reiner Hülle.

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Im ew'gen Lichte blüht der leichte Himmel;
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Die Tiefe voll Verlangen
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Treibt Keime auf aus innerm Herzensgrunde;
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Des Gottes Kraft hält fest die Erd' umfangen,
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Und fröhlich im Gewimmel,
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Bekränzt sie bräutlich sich zum Hochzeitsbunde.
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Von vielem Schönen weiß ich hohe Kunde,
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Doch sag ich's, schöne Frauen, kühn und laut;
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Ihr seid die schönsten Blüten dieser Erde!
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So wahr ich froh noch werde
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Beim Kuß der hingegebnen Braut;
77
Wer solche Blumen darf zu Kränzen flechten,
78
Der ist der höchst' in sterblichen Geschlechten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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