Zwölfte Romanze

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Friedrich Schlegel: Zwölfte Romanze (1800)

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Schweigend durch des Waldes Dunkel,
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Da der Morgen kaum noch graute,
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Zogen alle sie gewaffnet,
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Um die Kriegsgenossen trauernd,
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Nach dem Roncisvaller Grunde,
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Wo die Toten sie in Haufen,
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Einige noch lebend ächzen
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Durch einander sahn mit Grausen.
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Oliverus, dessen Seele
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Fern schon war vom Erdenraume,
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Seinen Leichnam fanden gräßlich
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Da am Boden ihre Augen,
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Kreuzweis an vier hohe Pfähle
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Ausgestreckt mit starken Tauen,
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Von der Scheitel bis zur Sohle
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Ganz zerrissen und zerhauen,
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So mit Lanzen, Schwertern, Messern,
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Wie von grimmer Drachen Klauen.
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O, was war da für ein Klagen,
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Schreien und Geheul der Trauer.
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Jeder wehklagt um die Seinen,
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Die der herbe Tod ihm raubte;
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Wiederklangen aus dem Tale
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Durch den Wald die Klagelaute.
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Kaiser Karol schmerzentbrannter,
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Leidvoll sich die Haare raufend,
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Schwur bei dem allmächt'gen Gotte:
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Nichts soll hemmen ihn im Laufe,
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Nimmer will er irgend rasten,
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Bis sein Schwert im Blute rauche
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Jener heidnischen Verräter,
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Die so manchen Mann ihm raubten. –
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Da den Heiden sie nun folgen
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Ward erhöret sein Vertrauen;
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Unbeweglich stand die Sonne
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Wohl an dreier Tage Dauer,
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Bis bei Saragossas Burgen,
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An der Ebra Uferauen,
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Karol sie hat überfallen,
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Ganz in Freud' und Fest berauschet.
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Da die Rache nun vollzogen,
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Ließ er hin zu jenem Baume
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Alle Kranken, Schwerverwund'ten,
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Dort wo Roland schloß die Augen,
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Führen, um sie streng zu fragen,
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Weil im Heere war der Glaube,
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Durch Verrat sei es geschehen,
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Weil er Ganelon vertraute.
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Um das klarer zu erkunden,
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Soll im Zweikampf nach dem Brauche
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Dietrich für den Kaiser streiten,
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Daß man Gottes Urteil schaue,
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Pinabell für den Verräter,
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Einer seiner Freund' und Trauten.
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Doch als Pinabell erschlagen,
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Läßt der Kaiser ohne Zaudern,
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Da die Schuld nun liegt am Tage,
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Keines Zeugen es mehr brauchte,
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An vier wilde Rosse binden
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Vor des ganzen Heeres Augen
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Ganelone, den Verräter,
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Die ihn so zerrissen grausend,
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Ihn zerstückten in vier Teile
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Nach den Enden des Weltraumes.
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Diesen Tod mußt' er erleiden,
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Bis er einstens klagt noch lauter,
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Wenn am jüngsten Tage schrecklich
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Schallt des Weltgerichts Posaune.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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