Elfte Romanze

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Friedrich Schlegel: Elfte Romanze (1800)

1
Eben las die Seelenmesse
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Zu der Christenkämpfer Ehre
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Turpin dort im Kriegesfelde,
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Kaiser Karol stand daneben;
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Eh' das Hochamt noch vollendet,
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Wird entrückt des Bischofs Seele.
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Singen hört er plötzlich Engel,
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Die im Chor gen Himmel kehren;
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Da die seinem Blick entschwebet,
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Folgt ein wilder Haufe denen
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Dunkler Höllenrichter schnelle,
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Führen einen Mann gefesselt,
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Wie zur Hölle Räuber gehen,
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Mit dem Raub in frechen Händen.
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Wen sie führen, fragt er; jene
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Zu dem frommen Bischof sprechen:
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»den Marsir zur Höll' in Ketten,
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Aber den vom Horn, den Helden,
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Michael zur Himmelsveste.« –
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Da die Messe nun geendet,
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Vor den Kaiser Karol tretend,
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Hat der Bischof so geredet,
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Mit dem Kreuz zuvor sich segnend:
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»kund muß dir, o Kaiser, werden,
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Roland ist nicht mehr am Leben.
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Michael führte seine Seele
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Mit viel andern Christenseelen
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Zu des Himmels lichten Welten.
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Den Marsirus aber werfen
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Höll'sche Geister, hart gefesselt,
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In des Flammenpfuhles Wellen.« –
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So noch sprach er; und da sehen
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Balduin sie durch die Felder,
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Der in Eil absprang vom Pferde,
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Alles treu dem Kaiser meldet,
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Wie er Roland ließ beim Felsen
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Schon im Todeskampfe sterbend.
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Ein Geschrei wird da im Heere,
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Wie sie hiehin, dorthin gehen,
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Bis der Kaiser Karl den Helden
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Liegen fand bleich und enseelet,
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Kreuzweis auf die Brust geleget
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Seine Hände zum Gebete.
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Da begann mit tiefem Wehe,
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Klagevoll am Leichnam stehend,
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Weinend, seufzend, ohne Ende,
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Laut vergießend heiße Tränen,
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Händeringend und im Schmerze
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Haar und Wange sich verletzend,
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Karol diese Klagerede:

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»o du meines Leibes Rechte,
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Ruhm und hohe Zier der Franken,
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Schwert des Rechtes, Schirm des Heiles,
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Nie bezwungne Heldenlanze!
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Du, dem Judas Makkabäus
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Ähnlich durch der Tugend Taten,
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Saul und Jonathan im Tode,
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Simson gleich an Kraft des Armes;
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Weh, daß du erschlagen!

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O du rastlos wackrer Kämpfer,
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Stärkster unter allen Tapfern,
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Tod der Heiden, Schirm der Christen,
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Königlich von Sinn und Adel!
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Du des Klerus hohe Mauer,
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Stab der Waisen und der Armen,
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Allen hülfreich, Schild der Witwen,
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Der nicht Trug noch Lüge kannte;
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Weh, daß du erschlagen!
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Warum mußt' ich her dich führen,
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Wo dich tot mein Auge sahe?
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Konnt' ich denn mit dir nicht sterben?
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Warum bleib' ich hier verlassen?
73
Du zwar magst nun immer selig
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In des Märtertumes Kranze
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Dich des Paradieses freuen
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Mit der heil'gen Engel Scharen.
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Aber wir, so wie die Seinen
78
König David muß bejammern,
79
Also wir auch ohne Ende,
80
Roland, müssen um dich klagen;
81
Weh, daß du erschlagen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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