1
Also war nun sein geworden
2
Spanien zu Gottes Ruhme,
3
Und Sankt Jakob, des Apostels;
4
Kaiser Karl in Frieden ruhte.
5
Nur Marsir von Babylonien,
6
Riese Belligant, sein Bruder,
7
Die der große Sultan dorten
8
Sandt' einst nach den span'schen Fluren,
9
Noch bei Saragossa thronten,
10
Heimlich Tück' und Rache suchend;
11
Treu' und Liebe war erlogen,
12
Tief im Herzen Haß gewurzelt.
13
Kaiser Karol sandte fodernd,
14
Daß getauft im Christenbunde
15
Gott sie gleich bekennen, oder
16
Sich verpflichten zum Tribute.
17
Ganelon von Mainz war Bote,
18
Der Verrates schuldig wurde,
19
Durch den schnöden Lohn bestochen,
20
Daß mit falscher Frevelzunge,
21
Er den Heiden angelobte,
22
Sie zu sättigen im Blute
23
Kaiser Karls und seiner Stolzen,
24
Die nichts Arges sich vermutend,
25
In die Schling' er locken wollte,
26
Wie an Hand und Fuß gebunden.
27
Dreißig Rosse schwer von Golde,
28
Edelstein und span'schem Gute,
29
Sandten sie zu Karls Gebote,
30
Als ein Zeichen, daß sie huld'gen;
31
Auch beladen vierzig Rosse
32
Süßen Weines zum Genusse;
33
Blühend dann, wie volle Rosen,
34
Tausend Mädchen holder Jugend.
35
Zwanzig Rosse schwer von Golde,
36
Teppiche gestickt mit Blumen,
37
Gaben sie zu seinem Lohne
38
Ganelon dem faschen Buben.
39
Heimgekehrt zu Karles Hofe,
40
Spricht er von der Heiden Schwure,
41
Ihm zu huld'gen, wenn er komme,
42
Treu zu sein dem Christentume.
43
Karol sandte, so betrogen
44
Nach dem Roncisvaller Grunde,
45
Mit den besten der Genossen
46
Roland, aller Ritter Blume.
47
Die, bis durch die Berge oben
48
Mit dem Heer er Bahn gefunden,
49
Sollen unten seiner dorten
50
Harren, wachend sich gedulden.
51
Bald vergaßen sie der Sorge,
52
Von dem süßen Weine trunken,
53
Von der Wollust süßern Wonne
54
Ganz beraubt des alten Mutes.
55
Ganelon ward dessen frohe,
56
Gab den Heiden gleich die Kunde.
57
Funfzig tausend Heiden kommen
58
Frühe aus des Waldes Dunkel,
59
Wo, im Hinterhalt verborgen,
60
Sie geharrt der günst'gen Stunde,
61
Tobend jetzt hervorgebrochen,
62
Daß von Schwertern alles funkelt.
63
Hinten sind die grimmen Mohren
64
In das Lager eingedrungen,
65
Wo die Kämpfer nicht geordnet,
66
Oder lagen noch im Schlummer.
67
Doch die Helden nimmer flohen,
68
Tapfer in die Mohren schlugen,
69
Bis zur dritten Stund' vor Morgen,
70
Daß die Heiden sinken mußten,
71
Ihrer keiner ist entkommen.
72
Heimgewendet nun zur Ruhe
73
Seh'n ein andres Heer sie vorne,
74
Größer noch als das sie schlugen,
75
Wilder auch und grimm'ger tobend.
76
Da entsinkt das Herz dem Mute,
77
Und sie fühlen sich verloren,
78
Matt wie jeder ist und blutend,
79
Können fürder nichts mehr hoffen;
80
Jetzt zu siegen wär' ein Wunder,
81
Doch ist keiner noch geflohen.
82
Eingedenk des alten Ruhmes,
83
Kämpfen sie in Blutes Strome,
84
Bis ermattet von den Wunden,
85
Endlich in den Arm des Todes
86
Alle nieder sind gesunken.
87
O was war da für ein Morden
88
Von den grimmen Heidenbuben,
89
Die auch keines nicht verschonten,
90
Der noch gab des Lebens Spuren.
91
Den mit Lanzen sie durchbohrten,
92
Andre schlugen sie mit Ruten,
93
Auch zerfetzend mit den Dolchen,
94
Die am Baum sie fest gebunden.
95
Andre mit dem Beil zerstoßend
96
Werfen sie in Flamm' hinunter,
97
Marternd noch mit wildem Spotte
98
Sie bis in des Todes Schlunde.
99
Also bitter ward gelohnet
100
Denen, die es wohl verschuldet,
101
Weil obwohl im Dienste Gottes,
102
Sie vergaßen Sitt' und Tugend.
103
Alle liegen sie ermordet,
104
Rettung ward da nicht gefunden.
105
Roland einzig blieb verschonet,
106
Dieterich, und Rolands Bruder
107
Balduin, die im Wald verborgen,
108
Irrend rannten durch das Dunkel.
109
Da fand Roland einen Mohren
110
Bei des Dämmerlichtes Spuren,
111
Der in dunkeln Wald geflohen,
112
Band ihn fest an eine Buche.
113
In der Nacht beim Schein des Mondes
114
Stieg nun, alles zu erkunden,
115
Roland auf die Berge oben,
116
Schauend auf die Feinde drunten.
117
Bei dem ersten Strahl der Sonne,
118
Trüben Herzens, doch nicht murrend,
119
Griff er nach dem großen Horne,
120
Laut erschallt die Kraft des Mundes.
121
Zu dem wohlbekannten Tone
122
Eilet Balduin der Bruder,
123
Dieterich und mehr Genossen,
124
Andre Christen wohl an hundert.
125
Des ward Roland wieder frohe,
126
Gehet den Gefangnen suchend,
127
Der, mit manchem Tod bedrohet,
128
Sie zu führen ward gezwungen.
129
Nach Marsir fragt er den Mohren,
130
In Marsirus Herzensblute
131
Hat der Held sich angelobet,
132
Rein zu waschen seine Schulden.
133
»jener hohe König dorten
134
Auf dem braunen Roß mit rundem
135
Schilde,« hat der Mohr gesprochen,
136
»vor dem knieen all die Unsern.« –
137
Roland drauf und die Genossen,
138
Nach des Ruhmes Labsal durstend,
139
Gott geweiht zum frommen Tode,
140
Stürzen mutig nun hinunter.
141
Einen Riesen samt dem Rosse
142
Mitten durch in einem Schwunge
143
Spaltet Roland von der Schulter
144
In zwei Hälften bis zur Sohle.
145
Einzig den Marsir verfolgend,
146
Der entfliehend bleich schon wurde,
147
Hat er nieder all' geworfen,
148
Rechts und links, die Mohrenhunde,
149
Bis er dennoch ihn getroffen.
150
Und der Mohr wälzt sich im Blute,
151
Schrecklich des Verrats belohnet,
152
Fährt er hin zum Höllenschlunde.
153
Angstvoll ist alsbald geflohen
154
Belligant weit in die Fluren,
155
Mit ihm alle seine Mohren,
156
Weil ihr Sultan war gesunken.
157
Doch auch jene hundert Frommen
158
Sind nach mancher herben Wunde
159
All' als Märtyrer gestorben.
160
Einsam Roland und voll Kummer,
161
Von vier Lanzen tief durchbohret,
162
Reitet er nach Balduin suchend,
163
Der wie Dietrich sich verloren;
164
Bis er endlich, schmerzgedrungen,
165
Abstieg von dem guten Rosse,
166
Bleich und kraftlos hingesunken,
167
Bei Ciseras Felsenpforte,
168
In des Baumes Schatten ruhte,
169
Neben einem Felsenblocke
170
Harten Marmors, der da stunde.
171
Hat sein Schwert alsbald gezogen,
172
Das so herrlich glänzt im Schmucke,
173
Schön verziert mit Stein und Golde,
174
Und im Schlagen recht ein Wunder.
175
Noch in später Zeit erscholle
176
Zu Durendas hohem Ruhme,
177
Rolands gutes Schwert zu loben,
178
Manches Lied von manchem Munde.
179
In den Anblick nun verloren,
180
Schauend auf sein Schwert, das gute,
181
Das so manchen Dank erworben,
182
Und gedenkend des Verlustes,
183
Hat er Tränen noch vergossen,
184
Klagend also ausgerufen,
185
Liebevoll zu ihm gesprochen,
186
Wie zum Freund im letzten Gruße:
207
Drauf, nach diesen Klageworten,
208
Hat er hoch das Schwert geschwungen,
209
Schlagend nach dem Felsenblocke
210
Harten Marmors, der da stunde,
211
Daß in Feindes Hand nicht komme
212
Dieses Schwert so hoher Tugend.
213
Mitten durch der Stein zerfloge
214
Von des Schwertes grausem Schwunge;
215
Unversehrt liegt das am Boden,
216
Unversehrt, wie er auch schluge.
217
Drauf nach seinem großen Horne
218
Griff er, schallend drein zu rufen,
219
Ob von jenen Kriegsgenossen,
220
Die im Tale irrend suchten,
221
Einer etwa nahen wollte,
222
Hülf' ihm in der Todestunde.
223
Und es war des Klanges Donner
224
Also stark, des Hornes Rufen,
225
Daß es mitten ist geborsten,
226
Ihm die Adern sind zersprungen.
227
Ja zu Kaiser Karles Ohren,
228
Der von Roncisvall nichts wußte,
229
Drang das Rufen jenes Tones,
230
Fern des Weges wohl acht Stunden.
231
Wie der Stimme Karol horchte,
232
Hat ihn Ganelon beruhigt,
233
Da er Hülfe senden wollte:
234
»roland jagt wohl dort im Grunde,
235
Irgend da ein Wild verfolgend;
236
Nur zur Lust ist jenes Rufen,
237
Wie er oft zu tun gewohnte.« –
238
O der falschen Judaszunge
239
Zu Verrat geschickt und Morde;
240
Der recht gut von Roland wußte,
241
Seinem Leiden, seinem Tode! –
242
Nun fand Balduin den Bruder,
243
Der durch Zeichen Wasser fordert,
244
Liegend auf dem Wiesengrunde,
245
Einen Trunk zum letzten Troste,
246
Schmerzvoll, wie er war und durstend,
247
Nahe an des Todes Pforten.
248
Nirgends doch fand Quell noch Ufer
249
Irgend eines Bächleins, Stromes,
250
Balduin so angstvoll suchend.
251
Roland war schon nah' gestorben,
252
Balduin auf sein Roß geschwungen,
253
Eilte, seinen Weg verfolgend,
254
Daß kein Feind ihn etwa funde.
255
Da nun Balduin entflohen,
256
Nahet Dieterich zur Stunde;
257
Der ist klagend ausgebrochen,
258
Hat vermahnt ihn, alle Schulden
259
Zu bekennen seinem Gotte,
260
Daß, geschirmt vor dem Versucher,
261
Aufging zu des Himmels Pforten
262
Er aus diesem Sündenpfuhle.
263
Roland schlug die Augen offen,
264
Schauend nach dem Himmelsgrunde,
265
Inniges Gebet zu opfern,
266
Reue, Hoffnung, Glaub' und Buße.
267
»wie vom Licht ja übertroffen,«
268
Sprach er, »wird des Schattens Dunkel,
269
So wird an dem sel'gen Orte,
270
Mir auch Sinn und Geist gesunden.
271
Was kein Aug' und Ohr vernommen,
272
Schau' ich dort im Himmelsgrunde,
273
Was in keines Herz gekommen,
274
Und das Ird'sche ist verschwunden;
275
Die er liebt, den Kindern Gottes,
276
Denen gibt er davon Kunde.« –
277
Dreimal nach dem Herzen fuhr er,
278
Mit der Hand die Brust sich klopfend,
279
Betet noch mit schwachem Munde
280
Für die lieben Kriegsgenossen,
281
Welche in der Schlacht gesunken;
282
Zeichnet mit des Kreuzes Troste
283
Vielmals sich zur ew'gen Ruhe.
284
Also hat Roland im Tode,
285
Wie uns Dietrich gab die Kunde,
286
Seine Passion vollzogen
287
Dort im Roncisvaller Grunde.