Siebente Romanze

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Friedrich Schlegel: Siebente Romanze (1800)

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Boten kamen, bei Nagera
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Sei ein Riese, Ferracut,
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Fern von Babylon gekommen,
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Aus des Goliath Stamm und Blut.
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Gen Nagera eilt der Kaiser,
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Zu umlagern solche Burg.
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Prahlend tritt der Ries' hervor,
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Läßt erschallen seinen Ruf,
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Fordert Zweikampf von den Christen,
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Schmähend laut in wilder Wut.
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Kraft hat er, wie vierzig Männer,
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Hat vor keinen Waffen Furcht.
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Däne Ogier war der erste,
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Der das Abenteu'r versucht.
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Da der Riese ihn erblicket,
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Kommt er sachte angeruckt,
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Streckt nach ihm die lange Rechte
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Und ergreifet ihn beim Rumpf,
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Hat ihn unterm Arm verwahret;
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Jenem ward nicht wohl zu Mut.
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Ihn mit allen seinen Freunden,
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Wie ein zartes Lamm er trug,
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Geht damit vor aller Augen
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Stracks hinauf zu seiner Burg.
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Seine Länge maß zwölf Ellen
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Und die Nase einen Fuß,
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Arm und Schenkel maßen eben
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An drei Ellen gern und gut.
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Dann Reinold von Alba Spina
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Trägt er wieder in den Turm.
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Constantin von Griechenlande,
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Einen Grafen noch dazu,
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Trug er beide, unter jedem
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Arme einen, durch die Flur,
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Sperret ein sie zu den andern
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Und noch manchen Ritter gut.
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Alle staunten, Kaiser Karlen
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Muß entsinken wohl der Mut.
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Ritter Roland konnt' es länger
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Nun nicht tragen mit Geduld.
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Nur nach langem Bitten, Harren,
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Spricht das Ja des Kaisers Mund.
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Wie Roland dem Riesen nahet,
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Greift ihn der auf einen Zug,
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Mit der Rechten nur ihn setzend
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Vor sich auf den Mähnenbusch
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Seines Rosses, trabt er eilend
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Wieder nach dem Tor der Burg.
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Doch der Ritter, Gott vertrauend,
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Sammelt seine Kraft zur Stund',
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Griff ihn wacker bei dem Barte,
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Warf ihn hinten auf den Grund.
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Beide lagen sie am Boden,
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Beide sprangen gleichen Muts
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Wieder auf die Rosse, jeder
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Tapfer auf den andern schlug.
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Roland will den Riesen spalten
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Mit des Schwertes grimmem Schwung;
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Doch das Schwert, statt seiner, mitten
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Durch den Leib des Rosses fuhr.
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Da sein Roß ihm nun getötet,
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Stritt der Riese dann zu Fuß,
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Drohet viel mit seinem Schwerte,
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Bis er's sinken lassen muß.
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Doch wie mächtig er getroffen,
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Wird des Riesen Arm nicht wund.
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Grimmig er die Faust jetzt ballte,
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Rolands Roß den Kopf einschlug.
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So mit Fäusten, so mit Steinen
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Kämpften beide nun zu Fuß.
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Da es Abendrot geworden,
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Bot den Frieden Ferracut.
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Bei den Seinen soll ein jeder
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Pflegen diese Nacht der Ruh'.
75
»ohne Schwert und Lanze kämpfen
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Morgen wir wie heute nur.« –
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Also schieden nun am Abend
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Diese zwei mit manchem Gruß,
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Kehren auf den Kampfplatz frühe
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Bei der Morgensonne Glut.
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Zwar ein Schwert der Riese brachte
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Gegen Recht und seinen Bund;
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Doch es mag ihm wenig frommen,
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Daß gebrochen er den Schwur.
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Roland einen Stecken führte,
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Einen Stecken lang und krumm,
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Hat ihn viel damit geschlagen,
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Doch der Riese ward nicht wund.
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Auch mit großen Kieselsteinen,
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Die er von der Erd' aufhob,
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Bis zur heißen Mittagsstunde
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Er ihn unermüdlich schlug.
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Da nun Roland Frieden bietet,
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In der Mittagszeit zu ruhn;
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Schwer von Schlaf alsbald der Riese
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Streckt sich auf die grüne Flur.
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Einen Felsstein nahm der Ritter,
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Wie er stark noch war und jung,
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Legte den ihm zu den Häupten,
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Daß er desto sanfter ruht.
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Roland nicht, noch sonst ein Ritter
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Nähme jetzt des Riesen Blut;
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Denn so war der Zeiten Sitte,
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Da noch blüht' das Rittertum;
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Wer dem Feind das Wort gegeben
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Und nicht hält der Treue Schwur,
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Sei es Christe oder Heide,
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Mit dem Tod es büßen muß.
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Da der Riese nun erwachte,
110
Geht der Ritter auf ihn zu,
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Setzt ins Gras sich zu ihm nieder:
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»sag mir,« spricht er, »doch mit Gunst,
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Wie du also hart gewachsen,
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Daß kein Eisen dich macht wund?
115
Stein noch Holz kann dich verletzen,
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Nirgends seh' ich dessen Spur.« –
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Staunend schaut ihn an der Riese,
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Willig er das kund ihm tut,
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Wie am Nabel er verwundbar,
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Fest sonst sei von Kopf zu Fuß.
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»der so tapfer mich bestreitet,
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Sage Knabe, wer bis du?« –
123
»roland bin ich,« sprach der Ritter,
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»von der Franken Stamm und Blut.« –
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»welches Glaubens sind die Franken?« –
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Sprach der wilde Ferracut.
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»an den Christ durch Gottes Gnade
128
Glauben wir und seinen Schutz.« –
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»wer doch dieser Christ gewesen,
130
Sage mir nun zum Beschluß.« –
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»er war Gottes Sohn,« sprach Roland,
132
»jungfräulichen Leib's Geburt,
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Der am Kreuz gestorben, siegreich
134
In des Abgrunds Tiefe fuhr;
135
Auf dann stieg zum Himmelreiche,
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Dorten sitzt auf ew'gem Stuhl.« –
137
»einer ist der Welten Sultan,
138
Der hat Vater nicht noch Suhn;« –
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Sagt der Ries' und Roland weiter
140
Spricht im christlichen Disput
141
Von dem Vater, Sohn und Geiste,
142
Der die Welten all' erschuf.
143
Doch der Riese gegenredet:
144
»drei und Eins sind nimmer gut.« –
145
»tönt die Leier,« spricht der Ritter,
146
»wirkt die Saite, Hand und Kunst,
147
Dreierlei zu einem Schalle,
148
Deutlich ist doch die Figur.
149
An der Sonne unterscheidest
150
Du das Licht, der Wärme Glut,
151
Dann zum dritten ihre Kreisung,
152
Drei in Einem klar genug.
153
Ist dies aber dennoch dunkel,
154
Sieh' des Mandelbaumes Nuß,
155
Kern, und grüne Haut, und Schale,
156
Dreierlei an einer Frucht.
157
Ja auch an dem Wagenrade
158
Siehst du dreierhande Stuck;
159
Nabe, Felge, Speiche eben,
160
Oder wahrlich du bist stumpf.« –
161
Wie das also nun geschlichtet,
162
Fraget weiter Ferracut,
163
Nach der Jungfrau, die im Schoße
164
Ohne Mann das Kind doch trug. –
165
»wie im Maien alles grünet,
166
Manche rot' und weiße Blut,
167
Wo kein Sämann nimmer säte,
168
Also auch Maria tut.« –
169
Solches sprach der edle Ritter,
170
Unermüdlich an Geduld,
171
Für den lieben Gott zu streiten
172
So mit Schwerte als dem Mund.
173
»sieh doch an in Sommertagen,
174
Wie in manchem tiefen Sumpf
175
Plötzlich alles lebt und webet,
176
Ohne Samen mancher Wurm.« –
177
»wohl gesprochen,« sagt der Riese,
178
»doch auch das erkläre nun,
179
Wie der, so zuvor gestorben,
180
Von den Toten doch erstund.«
181
»wie der Löw' am dritten Tage,
182
Wie der Löwe seine Brut,
183
Hauchend, die erst tot, belebet,
184
Gott an seinem Sohn auch tut.
185
Wie die Sonne,« sprach der Ritter,
186
»abends sinkt der Tiefe zu
187
Und in Osten auf dann steiget,
188
Leuchtend strahlt am Himmelsrund;
189
Leicht wohl konnte so sich heben
190
Aus des grimmen Todes Schlund,
191
Dem des Todes bleiche Scharen
192
Alle folgen, wann er ruft,
193
Die am jüngsten Tage kommen
194
Alle vor des Richters Stuhl;
195
Leicht kann durch die Himmel wandeln,
196
Der die Himmel selber schuf.« –
197
»laß' uns kämpfen,« sprach der Riese,
198
»und das sei des Kampfes Bund;
199
Ist dein Glaube wahr, so fall' ich,
200
Werde siegen, wenn es Trug.« –
201
»also sei es,« sprach der Ritter;
202
»ewig sei dem Sieger Ruhm,
203
Schande des Besiegten Volke.« –
204
Sprang dann auf den Heiden zu.
205
Mächtig schwingend ihn der Riese
206
Mit dem Schwert zu schlagen sucht,
207
Doch es meidet gar behende
208
Roland ihn im Seitensprung.
209
Rolands Keule war zerbrochen,
210
Drum der Ries' in grimmer Wut
211
Springt auf Roland, ihn ergreifend,
212
Beugt ihn nieder auf den Grund.
213
Da sieht Roland keine Rettung,
214
»hilf Maria mir,« er ruft;
215
Doch er biegt sich, zieht behende
216
Jenes Dolch aus seinem Gurt,
217
Stieß den in des Riesen Nabel,
218
Daß in Strömen quillt das Blut.
219
Sterbend nun der grimme Riese
220
Schreit, und seinem Gotte flucht.
221
Eilend auf den Schrei die Heiden
222
Stürzen aus der hohen Burg.
223
Roland war schon bei den Seinen
224
Heimgekehrt in sichrer Hut.
225
Und die Schar der Sarazenen
226
Klagend nun den Leichnam trug
227
Auf die Burg des grimmen Riesen,
228
Der genannt war Ferracut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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