Sechste Romanze

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Friedrich Schlegel: Sechste Romanze (1800)

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Boten kamen her mit Eile,
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Kaiser Karol anzuzeigen,
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Wo Garzimes Berg, der steile,
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Der Navarr'schen Berge einer,
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Stolzer in die Wolken steiget,
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Käm' ein Fürst ihn anzufeinden,
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König Furr, ein wilder Heide.
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An Garzimes Felsensteine
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Kam zu Abend hin der Kaiser;
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Morgen soll die Schlacht entscheiden,
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Und er bat Gott um ein Zeichen,
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In der dunklen Nacht geheime,
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Daß er die mag unterscheiden,
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Die des andern Tags erbleichen
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Todes sollen von den Feinden,
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Schönen Märt'rerkranz erreichen. –
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In des andern Frührots Scheine,
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Da gerüstet all' sich zeigen,
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Haufen hier und dort sich teilen,
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Sieht ein rotes Kreuze scheinen
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An der Schulter auf den Kleidern
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Er der auserwählten Seinen,
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Die als Märtyrer erbleichen
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Sollen und den Tod erleiden.
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Solches sieht allein der Kaiser,
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Außer ihm gewahrt es keiner.
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Wehmut an sein Herz da greifet;
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Und es regt der Wunsch sich heimlich,
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Wie sie lebend möchten bleiben,
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Die mit rotem Kreuz gezeichnet.
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Alle er alsbald vereinet,
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Schließt sie in der Kirchen eine,
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Sie zu retten so vermeinend;
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Seine Absicht wußte keiner.
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Mutvoll gehn sie auf die Feinde,
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Schlagen bald die wilden Heiden,
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Auch ihr König muß erbleichen,
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Mit dreitausend von den Seinen.
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Freudig zieht mit Siegeszeichen
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Heim das Heer im Abendscheine.
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Da nun heimgekehrt der Kaiser,
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Und die Kirche öffnet schweigend,
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Sieht er hundertfunfzig Leichen,
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Sanft entseelt und bleich sich seinem
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Auge strafend allda zeigen.
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Bitterlich er die beweinet,
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Reuevoll und voll Mitleiden.
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O ihr Christuskämpfer heilig,
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Traf euch nicht der Arm des Feindes,
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Weil von irdischem Mitleiden
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Sich der Kaiser ließ ergreifen,
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Gottes Fügung wollte meiden,
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Bleibt der Kranz euch dennoch eigen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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