Zweite Romanze

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Friedrich Schlegel: Zweite Romanze (1800)

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Doch der grimme Agolante
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Auf des Mohrenlandes Throne,
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Wie er solche Kunde hörte,
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Glühend rot im heißen Zorne,
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Alle seine Mohren rief er,
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Alle Gläub'gen an Mahoma.
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Aus den afrikan'schen Wüsten
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Kam der Schwarm herbeigezogen,
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Schwarze Scharen aus dem Süden,
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Wo die wilden Gluten toben.
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All' die Fürsten um den Sultan,
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Nieder in den Staub geworfen
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Zitterten vor seinem Blicke,
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Still erwartend die Gebote.
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Und es traten in die Kreise
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Klagend nun die Trauerboten,
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Wie der Franken Heer Hispanien
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Von dem Meer zum Meer erobert;
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Und mit Klaggeschrei verkündend,
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Wie die Mohren all' ermordet
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So die Taufe nicht empfangen,
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Und nicht Mahom abgeschworen:
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Wie in ihrem Blute liegend,
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Rache sie noch schrie'n im Tode.
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Ja auch unsers Gottes Bilder
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Liegen alle umgeworfen
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Von des grimmen Karles Arme,
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Der von Meer zum Meer durchzogen
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Blutig hat die span'schen Lande,
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Und nur eines steht noch oben
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Von den goldnen Mahomsbildern,
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Allen Mohren uns zum Troste;
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Salomkadir das mit Namen,
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Das der hohe Gott Mahoma
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Selbst durch mag'sche Kraft gebildet.
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Dort am Rand der Meereswogen,
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Wo so hoch die Raben fliegen,
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Auf dem steilen Felsen oben,
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Unbeweglich schaut der Riese
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Nach des Südens wilder Zone,
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In der Hand die Keule haltend,
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Alles ganz von rotem Golde.
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Naht sich irgend da ein Christe,
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Fallen auf ihn Legionen
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Von den grimmen wilden Geistern,
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Die Mahoma hat beschworen,
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Bannend an das Riesenbildnis
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Ihre Kraft durch mag'sche Worte.
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Nahte da in Lüften kreisend
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Irgend jemals sich ein Vogel,
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Fiel er tot alsbald herunter.
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Doch ist dieses Bild gewogen
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Allen tapfern Sarazenen,
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Die für Mahom Blut vergossen;
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Wer zu Mahom betend nahet,
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Ist für Unheil da geborgen.
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Dieses goldne Riesenwunder
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Ist alleine noch verschonet,
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Es zerbrachen an der Keule
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Noch der Christen Lanz' und Dolche.
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Von der goldnen Keule haben
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Christen-Magier gesprochen,
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Daß sie einst in fernen Zeiten
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Jener Faust entsinken solle,
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Wo sie furchtbar jetzo ruhet,
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Wenn ganz Spanien christlich worden.
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Doch es wollen dies verhüten
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Und uns retten von dem Hohne,
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Unsers Riesen Mahoms Glaube
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Und der Geister Legionen,
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Jene aber ganz zerschmettern.
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Als die Mohren das vernommen,
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Ward ein Schreien, ward ein Toben,
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Racherufen, Lust zum Morden,
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Wie von Löwen und Hyänen,
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Oder grimmer Tiger Horden.
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Säbel blinken, Rosse wiehern,
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Von viel tausend Scharen Mohren
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Viele tausend Fahnen wehen,
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Die Hispanien durchzogen,
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Daß vom Meere bis zum Meere
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Alles schwamm in Blutes Strome.
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Gegen diese grimmen Scharen
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Hat nun Karl sein Schwert erhoben
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Mit dem Milo von Angleren,
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Daß den Christen sei geholfen;
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Herzog Milo, Rolands Vater,
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Zog mit Karl und den Genossen
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Durch die spanischen Gefilde
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Suchend jene blut'gen Horden.
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Auf den schönen grünen Wiesen
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Fanden endlich sie den Mohren,
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Lagerten ihm gegenüber
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An der Cera Silberstrome,
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Dort wo Sankt Facundi Münster
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Nachmals himmelan erhoben,
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Und aus blutbesprengtem Grunde
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Eine fromme Stadt entsprossen.
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Zornentbrannt in seinem Herzen
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Und von stolzer Ruhmgier kochend,
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Sandte in der Christen Lager
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Agolante edle Boten,
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Um zu gutem Ritterkampfe
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Alle Christen aufzufodern,
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Daß von zweien gegen zweie,
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Gleicher Anzahl sei gefochten,
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Oder tausend gegen tausend,
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Wie es selbst die Christen wollten.
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Hundert Ritter sandte Karol,
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Hundert gegen hundert Mohren.
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Lanzen, Schwerter, Helme blinken,
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Schnaubend wiehern hell die Rosse,
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Doch der Christen Schwerter siegen;
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Von der Heiden Blut begossen,
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Färbt sich rot die grüne Wiese
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An der Cera Silberwoge.
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Diese bittre Schmach zu löschen
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Sendet an dem andern Morgen
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Früh der zorn'ge Agolante
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Jene erste Zahl verdoppelt;
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Doch auch diese fallen blutend
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In der Kampfbahn hin zum Tode.
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Da entfärbt sich Agolante,
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Fluchend laut in heißem Zorne;
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Und so sollen denn zweitausend
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Mit dem ersten Strahl der Sonne,
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Auf die blut'ge Wiese hinziehn,
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Wär' es auch zu Fluch und Tode.
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Und es standen schon die Christen
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Schimmernd in dem Glanz Aurorens,
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Gleicher Anzahl ihrer wartend,
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An der Cera Silberwoge.
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Wohl ward da ein gutes Streiten,
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Von den Christen, von den Mohren;
135
Lanzen splittern, Helme springen,
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Jählings stürzen hin die Rosse,
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Manche Wunde wird geschlagen,
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Bis zum letzten Schein der Sonne,
139
Als von den zweitausend Heiden
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Lagen tausend da im Tode,
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Und die andern tausend flohen,
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Karol hat den Sieg gewonnen.
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Da zerrauft sein Haar der alte
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Heidenkönig sich am Boden,
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Wild in seinem Grimm sich wälzend
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Wilder fluchend seinem Gotte.
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Und in nächtlich schwarzer Stunde
148
Läßt er seine Zaub'rer kommen;
149
Und die Hölle laut beschwörend,
150
Werfen sie die schwarzen Lose,
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Um durch böse Kunst zu finden,
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Was der Frommen Blick verborgen.
153
Und da sieht er in den Losen,
154
Auf des andern Tages Morgen
155
Schlimmes Zeichen für die Christen,
156
An dem einz'gen Tag beschlossen,
157
Daß sie da den grimmen Unstern
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Meiden, oder fallen sollen.
159
Froh des Unheils sandt' er eilend
160
Hin zu Karol seine Boten,
161
Kampf und Schlacht ihm anzutragen
162
Auf des andern Tages Morgen,
163
Welches Karol, froh des Sieges,
164
Gern dem Heiden angelobte.
165
In der Frühzeit dieses Tages,
166
Da geschah es, wie hier folget,
167
Daß die Krieger so am Abend
168
Ihre Lanzen in den Boden
169
An des Flusses grünem Ufer
170
Schlugen bis zum andern Morgen,
171
Durch die Nacht sich wacker rüstend
172
Und zum Kampf die Waffen probend;
173
Als sie nun gerüstet kamen,
174
Ihre Lanzen greifen wollten,
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Staunend solche grünend fanden,
176
Festgewurzelt tief im Boden.
177
Solches schien ein seltsam Wunder,
178
Göttlich Zeichen wohl von oben.
179
Dieses Grün war zu bedeuten
180
Schön'res Grün der Palmen Gottes.
181
Wessen Lanze grün umlaubt war,
182
Starb den Tag im Märt'rertode.
183
Davon grünt ein Wald noch heute,
184
Von den Stäben, die im Boden
185
Auf der Wiese dort geblieben
186
An der Cera Silberwoge.
187
Denn es waren viel der Lanzen
188
Viele Märtyrer zum Tode,
189
Vierzigtausend Christenseelen,
190
Die den ird'schen Leib verloren,
191
Zu der Seelen Freud' und Troste.
192
Und auch Milo ward erkoren
193
Mit den andern, deren Lanze
194
Schön geblüht in grüner Krone.
195
Auch das Roß des guten Karol
196
Starb an diesem Tag des Todes.
197
Unerschüttert stand alleine
198
Kaiser Karol noch der hohe,
199
(mit ihm waren nur zweitausend
200
Seiner Mannen und Genossen)
201
In der Sarazenen Haufen
202
Schwang sein Schwert, genannt Gaudiose,
203
Mitten von einander hauend
204
Manchen wilden grimmen Mohren,
205
Bis am Abend beide Heere
206
Wieder in die Lager zogen.
207
Doch am andern Morgen kamen
208
Vier Markgrafen hergezogen
209
Von Italiens ferner Grenze,
210
Mit der Kriegerschar, der frohen;
211
Solche fürchtend sind die Heiden
212
Nach Hispanien heimgeflohen.
213
Und nun merke wohl der Leser,
214
Wie hier ist bedeutet worden
215
Durch die Schlacht das Ziel der Männer,
216
Die für Christus streiten wollen.
217
Denn wie Karles gute Krieger
218
Sich gewaffnet auf den Morgen,
219
Vor dem Kampf sich wacker rüstend;
220
So auch wir die Waffen sollen
221
Hoher Tugend uns umkleiden,
222
Um so kämpfend zu verfolgen
223
Wilder Laster grimme Drachen.
224
Wer da guten Sieg erfochten,
225
Wie wird dessen Lanze grünen
226
An dem Richtertage Gottes!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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