Verehrte Gönner, eh vor euren Blicken

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Gotthard Ludwig Kosegarten: Verehrte Gönner, eh vor euren Blicken Titel entspricht 1. Vers(1788)

1
Verehrte Gönner, eh vor euren Blicken
2
Der Bühne wechselnd Spiel sich heut' erregt,
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Sey mir vergönnt, zwar schüchtern, auszudrücken,
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Was mächtig unser aller Brust bewegt!
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Geziemt es doch der Bühne, sich zu schmücken
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Mit jeder Farbe, die das Leben trägt!
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Mag Gram euch düstern, Frohes euch erheitern;
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Der Kunst gebührt, die Leidenschaft zu läutern!

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Das große Räthsel lösten diese Tage;
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Gesprochen hat der Gott ein mahnend Wort;
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Schicksalentscheidend klang die Völkerwaage,
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Und ihrem Klang' erbebten Süd und Nord.
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Wie Windsbraut wälzt die ungeheure Sage
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Von Strom zu Strom, von Strand zu Strand sich fort.
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Wohin ihr lauscht, hört ihr die Losung schallen:
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Der Franken stolze Hauptstadt ist gefallen!

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Sie, deren Ring den Raub des Erdballs faßte,
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Sie, die Europens Königinn sich pries;
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Die in der Völker Blut und Thränen prass'te,
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Und jede Mahnung höhnend von sich wies;
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Die aus der Hütte längst und dem Pallaste
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Den Glauben sammt der Liebe von sich stieß;
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Sie hat des herben Kelchs nun auch getrunken,
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Ihr prangend Haupt ist in den Staub gesunken.

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Ein Höherer hat über sie gesprochen,
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Ein Stärkerer hat ihr den Raub geraubt.
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Auch über sie ward nun der Stab gebrochen,
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Die unantastbar sich bis jetzt geglaubt.
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Wien und Berlin und Moskau sind gerochen;
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Die alte Roma hebt ihr würdig Haupt.
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Die jüngst noch Herrinn hieß, wird Magd gescholten,
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Und wie sie andern that, wird ihr vergolten!

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Vergeltung, traun! harrt jenseit jener Sterne;
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Doch auch hienieden wird vergolten schon!
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Es greife nicht zu lüstern in die Ferne,
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Es baue nicht in Wolken seinen Thron,
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Wen eines Weibes Schooß gebar! Es lerne
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Die höhern Mächte scheu'n der Erde Sohn!
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Nicht Sterblichen ziemt schrankenloses Schalten;
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Es ziemt allein den himmlischen Gewalten.

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Das wars, worauf die Ueberwinder bau'ten,
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Und was der Ueberwund'ne frech verlacht.
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Nicht wars die Zahl, d'rauf unsre Tapfern trau'ten,
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Nicht ihrer Ross' und Wagen Uebermacht;
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Es war der Frommen Hort, auf den sie schau'ten,
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Und der durch sie das große Werk vollbracht.
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Ihr glaubensvollen Helden, seyd gesungen!
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Der Kränze schönster ward durch euch errungen.

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Hört ihr den Jubelpsalm der Nationen?
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Sie rafften auf sich aus dem dumpfen Harm.
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Es fallen schon die Kinder ferner Zonen
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Versöhnt einander in den Bruderarm.
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In unsern Hütten wird nun wieder wohnen
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Der Väter Herzlichkeit, treu, deutsch und warm.
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Der Geister Aufschwung lähmt nicht mehr der Schrecken;
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Die neue Zeit wird neue Kräfte wecken.

57
Nicht mehr geleiten uns der Späher Rotten
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Daheim und draußen, feldwärts und an Bord.
59
Des Zwanges ledig, steuern unsre Flotten
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Furchtlos von Meer zu Meer, von Port zu Port.
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Der Bosheit trotzen und der Dummheit spotten
62
Die freie Letter und das freie Wort.
63
Asträa schwingt die blitzende Egide,
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Und rings gedeihn Zucht, Ordnung, Recht und Friede.

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Hör' auf dann, trautes Land, auch du zu trauern,
66
Und wandl' erhabnen Haupts die neue Bahn!
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Ergrünt ihr Fluren nun aus Schlag und Schauern
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Die wir noch jüngst im Eise starren sahn!
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Frohlock' im Ninge deiner freien Mauern,
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Stadt, der die Mus' und Hore liebend nahn!
71
Und ihr, verehrte Pfleger alles Schönen,
72
Seyd freundlich, wie ihr wart, Thaliens Söhnen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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