Herr Peter und schön Gretchen, sie saßen bei Tisch

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Gotthard Ludwig Kosegarten: Herr Peter und schön Gretchen, sie saßen bei Tisch Titel entspricht 1. Vers(1788)

1
Herr Peter und schön Gretchen, sie saßen bei Tisch.
2
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
3
Sie kosten, sie scherzten froh und frisch.
4
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

5
Herr Peter sprach zu dem Liebchen sein,
6
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
7
»nächsten Sonntag soll meine Hochzeit seyn.« –
8
Herallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

9
»soll nächsten Sonntag eure Hochzeit seyn,
10
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
11
Ihr vergönnet mir wol, dabei zu seyn.« –
12
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

13
»meine Hochzeit wird tief ins Land hinein.
14
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
15
Es paßt dir nicht, dabei zu seyn.« –
16
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

17
»wird eure Hochzeit gleich tief ins Land hinein,
18
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
19
Es paßt mir doch dabei zu seyn.« –
20
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

21
Schön Gretchen erschrak ob solcher Mähr.
22
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
23
Das Herz ward ihr so voll und schwer.
24
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

25
Herr Peter wohl über die Tafel sprang.
26
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
27
Ihm klirrten die Sporen, das Gewölb' erklang.
28
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

29
Herr Peter hinaus zur Thüre sprang.
30
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
31
Es krachte die Füllung, das Schloß erklang.
32
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

33
Er rennt in die Koppel und sattelt sein Roß.
34
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen:
35
Er reitet und reitet, und erreitet sein Schloß.
36
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

37
Schön Gretchen tritt heraus zur Thür,
38
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
39
Sieht weinend ihn reiten und sieht ihn nicht mehr. –
40
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

41
Herr Peter hält alles zur Hochzeit bereit.
42
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
43
Schön Gretchen bestellt sich ihr Hochzeitkleid.
44
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

45
Ihr Röcklein war von güldenem Stab.
46
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
47
Von grünem Scharlacken ihr Leibchen knapp.
48
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

49
Ihr Latz war mit Gold und Perlen gestickt,
50
Treu Lieb' laß dein Leid uns ermessen!
51
Die Arme mit demant'nen Schnallen geschmückt.
52
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

53
Herr Peter schickt alles zur Hochzeit an.
54
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
55
Schön Gretchen läßt ihren Klepper beschla'n.
56
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

57
Schön Gretchen reitet vors Hochzeits Thor,
58
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
59
Ein sauberes Bürschchen tritt höflich hervor.
60
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

61
Schön Gretchen bindet ihr Roß an das Gatter-Thor.
62
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
63
Sie kämmet und kräuset ihr goldgelb Haar.
64
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

65
Schön Gretchen tritt weinend in Herrn Peters Hof.
66
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
67
Es flimmern die Schnallen, es rauschet der Stoff.
68
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

69
»geh' Bürsch'chen ins Hochzeithaus hinein!
70
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
71
Sprich, draußen hält ein Mägdlein hübsch und fein.«
72
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

73
»hält draußen ein Mägdlein hübsch und fein?
74
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermssen!
75
Sie sey willkommen, sie trete herein!« –
76
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

77
Schön Gretchen trat herein zur Thür,
78
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
79
Da brannten die Backen ihm und ihr.
80
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

81
»schön Gretchen, du sollt willkommen seyn,
82
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
83
Ich schenke dir Meth, ich schenke dir Wein.« –
84
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

85
»ich begehre nicht Meth, ich begehre nicht Wein,
86
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
87
Ich begehre zu sitzen bei dem Bräutchen dein.« –
88
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

89
»du darfst nicht sitzen bei dem Bräutchen mein,
90
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
91
Geh in Keller und hol' uns Meth und Wein!« –
92
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

93
Schön Gretchen mußte in Keller gehn,
94
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
95
Man sah' die Augen ihr übergehn.
96
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

97
Die Braut sprach zu der Diener Zween,
98
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
99
»wer ist die Jungfrau fromm und schön?« –
100
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

101
»herrn Peters Schatz ist's, reich und schön,«
102
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
103
»sie ist gekommen, die Braut zu sehn.«
104
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

105
»mehr werth als Herrn Peters Haus und Hof
106
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
107
Ist ihres Röckleins goldner Stoff.«
108
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

109
»mehr werth als Herrn Peters Land und Sand
110
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
111
Ist die Spange, die ihren Fuß umspannt.« –
112
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

113
Sie tranken Einen Tag, sie tranken zween.
114
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
115
Die Braut nicht mochte zu Bette gehn.
116
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

117
Und als es Abend am dritten ward,
118
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
119
Zu Bette verlangte dem Mägdlein zart.
120
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

121
Sie führten die Braut in Bräut'gams Haus.
122
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
123
Schön Gretchen trug Fackeln und Kerzen voraus.
124
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

125
Es setzt sich auf einen Stuhl die Braut,
126
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
127
Schön Gretchen zog Schuh und Strümpfe ihr aus.
128
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

129
Sie brachten die Braut und Bräut'gam zu Bett.
130
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
131
Schön Gretchen sie beide zudecken thät.
132
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

133
Schön Gretchen trat hinaus zur Thür.
134
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
135
»gute Nacht, ich seh' euch nimmer mehr.« –
136
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

137
Schön Gretchen ging in Garten, der Mond schien klar.
138
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
139
Sie erhing sich mit ihrem goldgelben Haar.
140
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

141
Herr Peter hinaus zur Thüre sprang.
142
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
143
Es krachten die Dielen, das Schloß erklang.
144
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

145
Er rannt' in den Garten, der Mond schien klar.
146
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
147
Da hing sie an ihrem goldgelben Haar.
148
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen. –

149
»wie hangst du, mein stolzes Gretchen, hier?
150
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
151
Ich war so hold im Leben dir.«
152
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

153
Er ließ graben ein Grab so lang als breit.
154
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
155
»hie wollen wir liegen Seit' an Seit'.«
156
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

157
Er ließ graben ein Grab, so breit als lang.
158
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
159
»hie wollen wir schlafen nach Qual und Drang.«
160
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

161
Er stemmte sein Schwert wohl gegen den Stein,
162
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
163
Er stach es sich tief ins Herz hinein.
164
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

165
Er stemmte das Schwert wohl gegen den Baum.
166
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
167
Aus war sein Leben, erfüllet sein Traum.
168
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

169
Und als es tagte den Morgen darauf,
170
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
171
Drei Leichen lagen in Herrn Peters Haus.
172
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

173
Herr Peter und Herrn Peters Liebchen traut,
174
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
175
Herr Peter und Herrn Peters junge Braut.
176
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.

177
Sie nahm sich zu Herzen die bittere Noth,
178
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
179
Sie grämte so sehr sich, sie grämte sich todt.
180
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

181
Das Liedchen ist aus, die Leute sind todt.
182
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
183
Bewahre uns Gott vor so bitterer Noth!
184
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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