Zilia saß im Zederschatten. Die liebliche Cidli

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Gotthard Ludwig Kosegarten: Zilia saß im Zederschatten. Die liebliche Cidli Titel entspricht 1. Vers(1788)

1
Zilia saß im Zederschatten. Die liebliche Cidli
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Saß auf Ziliens Schooß'. Es flog dem blühenden Mägdlein
3
Rings um die Schultern das ringelnde Haar im Säusel des Abends.
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Staunend saß sie. So staunt, wer süß geträumet, und plötzlich
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Aus dem Traum' erwacht. So staunte die sinnende Cidli
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Ob dem jüngst verflatterten Traume des nichtigen Lebens.
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Manches fragte die Kleine; und manche lehrende Antwort
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Gab ihr Zilia schonend zurück. Mit vertraulicher Liebe
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Hing des Mägdleins glänzendes Aug' an der Führerinn Antlitz.

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Und es neigte der Tag. Auf des Meers lasurenem Bette
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Ruhete großgeaugt und segenspendend die Sonne.
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Feiernd lag vor der Segnenden Auge die freundliche Schöpfung.
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Düft' entströmten dem Wipfel der Zedern, melodische Stimmen
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Rieselten durch ihr säuselndes Laub. Aus der Näh und der Ferne
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Wehten äolischer Harfen Kläng' und der Orphica Lispel.
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Cidli's staunende Seele durchzitterten Schauer auf Schauer.
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Inniger schmiegte sie sich und fester an Ziliens Busen.

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Und nun waltete heilig die Nacht auf Hügeln und Thalen,
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Lau und frisch und strömend von Düften. Es glimmte das Spätroth
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Durch das flitternde Laub, und färbte die Wangen des Mägdleins.
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Staunend empor sah Cidli zum sternebesäeten Himmel.
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Andere Stern' erschienen der Wundernden; andre, als jene,
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Die ihr der Vater gezeigt, wenn gegenüber den Fenstern
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Sirius flammten und Rigel, und Betegeuze, die Schöne;
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Andere, schönere, funkelnd're Stern' erschienen der Kleinen.
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Emsig schaute sie auf. Und sieh! am Saume des Osten
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Glomm ein weißlicher Schimmer empor. Der silberne Schimmer
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Lichtete sich mit jeglichem Nu. Und siehe, mit einmal
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Quoll ein leuchtender Ball herauf aus den grollenden Fluten,
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Weithin glänzte die Flut; es glänzten die Häupter der Berge.
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Ziliens hehres Aug' erglänzt' in Thränen der Rührung.
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Zärtlicher schmiegte sich Zidli an sie; und »Zilia,« sprach sie:
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»welch ein Mond ist dieß! Viel schöner wahrlich ist dieser,
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Als der blasse, der manche Nacht mit fließendem Silber
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Unsre Wände daheim besprengt' und mein schwellendes Lager.
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Lieb war jener und gut; doch größer ist dieser und schöner.«

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Lächelnd durch ihre Thränen sprach Zilia: »Liebliches Mägdlein,
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Was du schauest, ist nicht der Mond, der einstens die Kissen
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Deines Bettchens umflittert'. Es ist die Wiege, Geliebte,
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D'rin du den Traum geträumt des schnell verflatternden Lebens.«

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Cidli schau'rte sanft zusammen. Ihr helles Geburtland
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Sahe sie schweben im glänzenden Blau. Sie schmiegte sich innigst
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In der Führerinn Arm, und sprach mit seufzender Sehnsucht:
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»soll ich dir sagen, o Gute, wie deiner Cidli ums Herz ist?
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Schön, unnennbar schön, ist dieses blühende Eiland,
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Jenes Smaragdgebirg', und diese Lilienebne.
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Mildere Lüfte schmeicheln um uns; ein blauerer Himmel
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Aeugelt auf uns herab, und eine freundlichere Sonne.
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Diese Blumen nicken mir zu, gleich liebenden Wesen;
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Diese Blätter flistern um mich, wie kosende Zungen;
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Jene Vögelein flöten mich an, wie fühlende Seelen.
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Köstlicher mundet der Palme Saft, die ambrosische Traube,
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Als die Milch und das Obst, das mich dort unten gespeiset.
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Seliger fühl' ich mich, Traute, an deinem Busen, als einstens
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Auf der Gebärerinn Schooß' und in dem Arm des Erzeugers.
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Dennoch denk' ich noch oft mit heimverlangender Wonne
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An die wenigen flüchtigen Monden (sie dünken mich Stunden),
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Die ich im Arm des Vaters gelebt, auf dem Schooße der Mutter,
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Und im Kreise geliebter Gespielen. Ach, sage mir, Gute,
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Vater und Mutter hatten mich lieb. Ach, sollten bisweilen
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Vater und Mutter noch wol der fernen Cidli gedenken?«

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Lächelnd durch ihre Thränen sprach Zilia: »Nimmer vergessen
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Vater und Mutter dein. Nicht leicht vergißt sich der Säugling,
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Den man empfing im Wonnemoment des höchsten Entzückens,
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Den man dem Herzen zunächst neun lange Monden getragen,
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Den man mit Angst gebar, mit seinen Brüsten ihn tränkte –
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Nie, o Töchterchen, nie vergessen deiner die Deinen.«

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Heiterlächelnd sprach Cidli: »Und meine Trauten, o Gute,
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Lilla, die Holde, und Lili, der Fromme, was machen wol diese?
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Manchen fröhlichen Tag und manchen vertraulichen Abend
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Haben wir mit einander gekürzt in mancherlei Spielen.
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Greisens spielten wir itzt, und itzt Versteckens. Am liebsten
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Spielten wir Bräut'gam und Braut. Der silberlockige Lili
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Pflegte der Bräut'gam zu seyn, und deine Cidli das Bräutchen.
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Festlich geschmückt ward Cidli dann mit Blumen und Bändern.
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Priesterlich pflegt' uns Lilla zu trau'n. Der kindischen Trauung
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Folgte der festliche Schmaus, dem Schmause der Tanz und der Reigen.
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Lilla und Lili, o süße Gespielen, was macht ihr wol itzund?«

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Lächelnd durch ihre Thränen sprach Zilia: »Lilla und Lili
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Wallen noch drunten und trauern um dich. Sie werden nicht wieder
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Bräutigam spielen und Braut; es fehlt die bräutliche Cidli.«

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»ach und Meli,« rief itzt die Kleine mit steigender Sehnsucht,
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»wäre doch Meli hier, der süße, lächelnde Säugling!
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Wenige Monden erst ruht am Busen der Mutter der Kleine.
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Seinen Lippen ist noch kein kosendes Wörtchen entquollen;
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Aber es redet das flammende Aug' unaussprechliche Dinge.
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Ach, ich hatte Meli so lieb! Ich sah' ihn so gerne
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Liegen und zappeln und girren vor Wonne im Schooße der Mutter,
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Sah' ihn schlummern so gern in seinem schwebenden Bettchen.
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Dieser Schooß hat ihn öfter getragen, mit diesen Armen
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Hab' ich ihn öfter umfaßt. Dann lächelte Meli so freundlich.
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Wäre doch Meli hier, der holde, lächelnde Säugling!«
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Also rief es die Kleine. Mit Inbrunst rief sie's, und plötzlich
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Schimmert' ein Regenbogen vor ihr im Nebel des Thaues.
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Sanft zerflossen die Nebel. Es flatterten glänzende Wölkchen
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Rings durch das ausgeheiterte Blau; der glänzenden Wölkchen
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Schwebte das Eine heran. Es zerfloß, und schimmernd von Schönheit,
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Rein gebadet im lauteren Strom des lebendigen Aethers,
99
Stand vor seiner staunenden Schwester der lächelnde Meli.

100
»meli, Meli, bist du's? rief Cidli. Aus Ziliens Armen
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Wand sie eilend sich los, und umschlang den schimmernden Bruder.
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Meli, Meli, bist du's? O sage, sage mir, Trauter,
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Sage, von wannen du kommst? wohin du eilest? O sage,
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Ob auch Vater mich grüßt, ob Mutter? ob Lilla und Lili?
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Ob sie an Cidli auch denken? O sage, sage mir alles!«

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Tief erschüttert stand Zilia auf. Vom Baume des Lebens
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Brach sie der goldenen Aepfel einen, und reichet' ihn Meli.
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Meli genoß der ambrosischen Frucht. Da wurde dem Knaben
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Aufgeschlossen der innere Sinn. Zu hellem Bewußtseyn
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Lichtete sich sein dämmernd Gefühl. Aus dem Abgrund des Geistes
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Stiegen Erinn'rungen auf des dumpfverträumten Lebens.
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Siehe, sein Auge ward aufgethan. Er erkannte die Schwester.
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Horch, ihm wurde die Zunge gelös't. Er redete lieblich:
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»cidli, Trau'te, bist du's? Ja, süße Schwester, dich grüßen
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Vater und Mutter. Es grüßen dich, Trauteste, Lili und Lilla.
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Wenige Tag' erst warest du weg. Das Auge der Deinen
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War noch nicht trocken um dich. Da erkrankt' ich; Flammen versengten
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Mir das Gehirn und das innerste Mark. Auf Saliens Schooße
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Lag ich sieben Tag' und sieben Nächte, vom Arme
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Itzt der Mutter umschlungen und itzt vom Arme des Vaters.
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Mit der Frische des achten Morgens erloschen die Flammen;
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Liebliches Kühl umfing mich. Es summte, wie Wiegengelulle
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Mir in das klingende Ohr. Den brechenden Augen erschienen
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Helle Gestalten. Itzt stand mein Herz, der Athem versiegte.
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Eingelispelt vom Engel der Ruh' in seligen Schlummer,
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Lag ich, wie trunken. Wie träumend, vernahm ich die Stimme des Vaters:
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Zeuch in Frieden, o Sohn! Zeuch hin zu Cidli und grüße,
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Tausendmal grüße die Süße von uns!« Ja Cidli, dich grüßen
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Vater und Mutter, es grüßen dich, Trauteste, Lili und Lilla.
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Tausendmal grüßen sie dich, und lieben uns ewig, Geliebte.«

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Also entquoll es den Lippen des Knaben, wie Lautengelispel.
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Feuriger itzt umschlang den Liebling die freudige Schwester.
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Zärtlich umschmiegte die zitternde Schwester der liebliche Meli.

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Zilia aber, in Rührung zerschmolzen, umfaßte die Kleinen,
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Drückte sie heiß an das schlagende Herz, und feierlich sprach sie:
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»ich bin Zilia. Ich bin die Mutter des Mannes,
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Welchen ihr Vater grüßtet, bin euere Mutter, ihr Lieben.
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Wenige Lenze nur sah' ich die schwellende Knospe des Knaben.
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Sah' sie und freu'te mich ihrer. Sie schwoll, um herrlich zu blühen.
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Aber ich sollte die Blüthe nicht schau'n. Hinweg aus der Erde
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Ward ich gerückt, um dir, o Sohn, die Kindlein zu ziehen.«

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Weiter sprach sie mit segnendem Blick' und gefaltenen Händen;
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»sproßet ihr Zarten heran in des Himmels schauendem Auge!
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Blühet herauf, ihr Holden, zu nimmerwelkender Schöne!
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Werdet geschmückt mit jeglicher Kraft, mit jeglicher Tugend,
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Daß ich dem Vater dereinst die vollgezeitigte Jungfrau,
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Daß ich der Mutter dereinst den thatenrüstigen Jüngling
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Führen mög' an Edens Schwell' in die offenen Arme!
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Sproßet ihr Zarten indeß, und reift vor des Ewigen Antlitz!«

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Also sprach sie, und endet' in inbrunstvoller Umarmung.
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Rings in Eden war fei'rliches Still und heiliges Schweigen.
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Aber nicht lange, so folgte der Still' unauslöschlicher Jubel.
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Aus der Näh' und der Fern' von des Arara Höh'n, von des Pison
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Goldsandwälzendem Strom, von des Gihon Ambragestaden,
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Aus den Palmen des Phrath, und aus den Zypressen Hidekel
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Flatterten flimmernd und zartbeschwingt, wie Libellen zur Herbstzeit,
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Ueber die Lilieneb'nen heran die Seelen der Kindlein,
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Welche knospend des Ewigen Hauch aus der Erde gehoben.
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Ringsumgürtet vom hellen Chor stand Cidli verwundernd;
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Freudig erschreckt stand Meli. Des Tonreichs Wirbel erwachten;
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Lautenlispel entbebten den Wipfeln der Zedern. Die Quellen
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Quollen dahin mit Orphicaklang. Aeolische Harfen
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Weh'ten aus Myrthengebüschen daher zum Reigen der Kinder.
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Cidli und Meli flogen dahin im himmlischen Reigen.
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Taumelnd und wirbelnd flogen sie hin, daß rings um die Schultern
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Ihnen das Haar wild strömt' und die Kränze den Locken entstoben.

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Also waltet' im seligen Eden unendlicher Jubel,
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Während drunten, im Lande der Gräber, der einsame Vater
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Neben den Urnen stand, und seine Verlornen beweinte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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