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Scheidendes Jahr, da fand dein Blick
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Mich am Hyldagestad'. Unter den Bruderreihn
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War ich herrlich. Mein Name scholl
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Ihnen Freude und Ruhm. Aber mein ganzes Herz
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Hing, o Jüngling mit gold'nem Haar,
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Hing, o Werthing, an dir, und an dem Redlichen
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Mit dem Auge voll hohen Ernst,
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Edle, Liebe, mit euch hab' ich gejauchzt. Ich hab'
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Mich des Schönen auf Gottes Erd'
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Herzlich mit euch gefreut. Aber wir haben auch
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Mit einander gelitten und
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Mit einander geweint. – Ueber das Rosenthal
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Lag noch krystallener Schnee. Es stand
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Noch die Hylda im Eis', als ich, o Ehrbegier,
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Dir entbrannt'! an des Königs Fest
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Aufstand, ihm mit Gesang feierte, am Altar
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Uns'rer Musen ihm Weihrauch streut'!
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Und da lächelte mir – herrlicher Tag! das Aug'
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Uns'rer Väter. Da brannte mir
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Meine Seele vom Lob meiner Geliebeten.
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Aber am Abend wehten mir
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Kunden über das Meer, Kunden des Grams: der Tod
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Meines wellenverschlungenen
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Dellwar, und ein Befehl herrischer Gönner – o
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Ihre Wohlthat war mir zur Qual! –
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Ein Befehl, der im Schooß meiner Geliebeten,
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Im Getümmel der Freud', im Chor
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Uns'rer Lieder mein Herz beugte, mein Aug' umwölkt';
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Ein Befehl, der den Schnee hindurch
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Und die Wetter hindurch mich an die Warne rief –
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Warne, Warne, dein Silberfluß
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Hat mich oft mit der Freud', oft mit der wüthendsten
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Qualen Becher getränkt! – Ich floh
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Nun durch Wetter und Schnee zu ihr. Die Lieben sah'n
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Bang'schauernd dem Pilger nach.
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Dreimal ging mir der Mond über das Schneefeld auf,
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Da erblickt' ich die Warnestadt.
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Ha! da strahlete mir eine Gestalt, wie Blitz,
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Der das Dunkel der Nacht durchbricht,
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Also siegend und hell, doch auch, wie Mondenglanz,
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Mild' und bleibend. Die Hochgestalt
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Ahnt' ich längstens. Sie war, siehe! mein Knabentraum
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Und mein Seufzer im schönen Lenz,
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Meine Klag' im Gesang, meine gesungene
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Wonna, golden von Haar, von Wuchs
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Schlank, und blaulich von Aug', lieblich von Stimm' und Blick,
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Und von Herzen so sanft und gut.
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O, ich sah sie. Ich stand zitternd von Schmerz und Lust.
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Ihr unschuldiger Schwesterkuß
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Hauchte mir Balsam und Gift. Aber ich sog den Gift,
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Wie der Durst'ge den Regen, ein.
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Lieblich lächelte mir Wonna. Da faßte mich
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Ahndung, die hohe, berauschende,
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Ihr geliebet zu seyn. Aber die Ahndung ward,
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Ach! erst Empfindung nach Todesqual.
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Zwar es blieben mir noch Geldar, der Redliche,
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Und Rhysollhall mit Flammengeist,
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Und mein Liebling, mein Freund, dem ich auf Erden nie
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Einen gleichen geliebet hab',
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Werthing blieb mir. Doch, ach! Werthing war selbst wie Nacht
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Dunkel. Sein Blick war Verzweifelung.
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Oftmal hab' ich den Stahl, wider sich selbst gezückt,
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Schwerarbeitend der Mörderfaust
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Abgerungen. Ich hab' oftmal die Nacht hindurch
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Ihm zur Seiten geweint, gebebt.
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Und des lautersten Glücks Quelle, die Zärtlichkeit,
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Quoll mir Kummer und heiße Angst.
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Itzund lachte der Mai über die Flur herauf.
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Durch die Weiden am Hyldabach
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Strömten freudige Reih'n Mädchen und Jünglinge.
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Aber die heilende Frühlingsluft
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Und der Hylde Gestad' rauschte mir Tröstung zu.
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Meine Lieben umringten mich
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Mit der Freude Gejauchz. Freiheit und alter Stolz
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Faßten wieder mein Herz. Ich stand
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Glühenden Auges, begann unter den Freundereih'n
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Mitzujauchzen. Der Freiheitruf
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Und das Freudengetös, und die Ermunterung
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Meiner Getreuen, die heilten mich
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Mit dem Balsam der Zeit. Oder betäubten sie,
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Nur den blutenden Schmerz? Denn oft
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Riß die Narbe. So oft, als ich des Taumels satt
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Einsam Abends im Felde stand,
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Und der Mond und der Stern blinkt', und die Nachtigall
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Flöt'te ferne. Mich däuchte dann,
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Liebe blinke der Mond, Liebe der Abendstern,
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Liebe flöte die Nachtigall.
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Dann ergriff mich mein Schmerz wieder. Verzweifelung
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Schütterte mich mit dem Frost der Nacht.
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– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
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Itzund strömte der Sirius
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Neue wildere Gluth mir in die Brust hinein.
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Ich besuchte die Strahlenstadt,
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Fand ein Mädchen in ihr. Sanft war ihr Aug'. Ihr Blick
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Still und schüchtern. Ihr Busen stieg
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Von Empfindung und Geist unter dem Flor empor.
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Damal ahnt' ich, es sey mein Herz
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Nicht auf ewig betäubt. Mächtig und wonnelaut
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Neigt' es sich zu Majora hin.
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Und Majora empfand es ähnlich. Mir blickete
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Mehr als Freundschaft ihr sanftes Aug'.
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O, Majora, vergib, wenn du dich täuschtest,
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Wenn mein Auge, wie Liebe, dir
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Freundschaft blickte. Mein Herz war dir geneigt. Doch blieb
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Seine Leere unausgefüllt.
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Heißer brannte mein Herz, heißer und zärtlicher
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Dir, o Mädchen am Trebelbach,
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Dir, o Hulda! Du warst, Ossians Fräulein gleich,
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Hold und edel und stolz gebaut,
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Rein und züchtig und gut, und unaussprechlich sanft.
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Sanfter hab' ich des Schöpferhauchs
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Töchter nimmer geseh'n. O, ich erkannte bald
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Deinen Werth, und dein blaues Aug'
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Glänzte auch von Gefühl mehr denn vorhin. Ich ging
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Früh mit jeglichem Morgenroth
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In die Gärten, und brach Rosen voll Thau für dich,
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Und du trugst sie den Tag hindurch;
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Dein hochklopfendes Herz trieb auf der hohen Brust
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Oft noch höher die Ros' empor.
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O, Geliebte, entsinnst du dich des Abends noch,
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Als der Himmel in Wolken stand?
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Als wir draußen am Thor unter der duftenden
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Linde saßen, als deine Hand
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Sanft die meinige nahm, sanfter sie drückete.
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Unschuldstochter, mein ganzes Herz
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Brannt' und bebete da, und mich umsäuselte
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Liebeswonne. Mit inniger
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Sanftschwermüthiger Ruh', mit dem Gefühl, das nur
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Reine Liebe und Tugend schafft,
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Saß ich neben dir, sah sinnig den goldnen Mond,
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Wie er sich durch die Wolken brach.
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Eine Ros' an der Brust, welche mir Hulda gab,
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Und im Herzen ihr theures Bild,
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Also kehrt' ich getrost wieder zur Hylde um.
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Ruhiger öffnete hier mein Herz
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Sich der Weisheit aufs neu'. An den Kathedern zwar
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Saß ich selten. Die Weisheit trägt
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Da den Stämpel der Kunst, schleppt der Profession
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Sklavenfessel, betäubt den Kopf,
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Nährt nicht Herz, noch Verstand. Sklavinn, mein ganzes Herz
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Ist dir gram und verachtet dich.
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Du, die im Rosengewand lächelt, mit offener
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Honigtriefender Brust uns winkt,
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Tochter der freien Natur, offen und mild wie die;
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Die du mit allen vernehmlicher
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Stimme durch der Natur blumiges Buch, durchs Licht
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Unverrückter Vernunft, und durch
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Das, was deutlich und klar Seher uns kündeten,
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Sprichst, und Worte des Lebens sprichst,
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Die du durchs Haines Gesaus' und durch des Abendsternes
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Blinken, und durch der Gewitternacht
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Rauschen Liebe und Kraft predigst, und weis' und gut
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Uns zu wandeln gebeutst; du bist's,
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Echte Weisheit. Dir schwor Huld'gung und ew'ge Treu'
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Meine Seele. Heißdurstend hab'
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Ich dich immer gesucht. Oft auch im einsamen
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Nachtspaziergang umwehte mich
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Deines Sternengewands heiliger Saum. Dann hab'
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Ich ihn berührt und geküßt. Was mir
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Ward, das theilte ich gern meinen Geliebten mit,
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Die es fühlten, und freute dann
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Mich des Strahls, der ihr Aug' hellte, ihr Herz durchfuhr.
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Als der Schnitter die reife Saat
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Niedermäht' und das Feld golden in Garben stand,
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Da besucht' ich das herrliche
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Meerumdonnerte Land, wo sich der Sturm sein Haus
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Zwischen Wald und Gebirg' erbaut.
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Dorten fand ich ein Volk, gastfrei und deutsch und gut,
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Unverdorben vom Narrentand,
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Der mit steifem Gepräng' aller Geselligkeit
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Freuden bannt, dem mein Vaterland –
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O des Blöden! – nun auch knechtischen Weihrauch streut.
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Dorten sah' ich das strömende
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Volle Herz der Natur, das sie in wildem Pomp
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Ueber Wald und Gebirg' ergeußt.
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Hoch vom Rugard herab faßt' ich das Wasserland
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Mit weitschauendem Aug' und ging,
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Sah' Arkona's Gestad', sahe den Herthawald,
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Und die Mahle der Drudenburg,
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Und das Wundergestad', welches vom Königsstuhl
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Tief hinab in das Weltmeer schaut,
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Weiß und furchtbar. Ich stand dorten im Sonnenstrahl,
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Und begrüßte mein Vaterland,
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Mein geliebtes, von dem hier die entfernteste
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Oestliche Klippe mein Fuß betrat.
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Itzund tanzte der Herbst, röthlich, und weinberauscht,
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Ueber die welkende Flur her.
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Da entbot mich ein Ruf meines Erzeugenden
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In mein heimisches Feld. Ich zog
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Bald in brüllendem Sturm unter dem Schutzgeleit
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Meiner Lieben den Weg hinan –
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Itzt im Feiergeweh' einer wildrauschenden
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Eich' umarmten wir uns – Es blieb
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Unsre Schritte – Uns dämmerte
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Schon mit des zweiten Tags Frühroth die Rosenstadt.
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Ueber Erdglück und Erdenweh
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Weit erhaben, mit Ruh', welche mein ganzes Seyn
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Sanft durchströmte, veredelte,
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Also selig und groß, reist' ich hinweg, um nun
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Meine Freunde daheim zu seh'n.
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Dreimal stieg mir die Sonn' über dem Weg' ins Meer,
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Und nun trat ich den Wald heraus
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Auf den traulichen Berg, drauf ich, als Knabe, mich
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Täglich sonnte. Da lag im Glanz
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Der verschwindenden Sonn' meine geliebte Stadt
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Ferne von mir. Der Himmel stand
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Brennend, blaulich der Wald, feurig und roth der See,
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Sanft geröthet der alte Thurm
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Voller Glocken und Moos. Ha! da erschütterte
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Mich mein Knabengefühl. Ich stand,
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Rief die Jahre des Traums mir in den Sinn, verglich
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Nun die Kenntniß des Jünglinges
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Mit des Knaben Begriff, der in die Welt hinaus
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Heiß sich sehnte – Ich fand dich nicht,
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Gleißnerinn, wie ich dich wähnt', als ich ein Knabe noch
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Sinnend auf das Gebirge stieg,
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Um mich sah, und das Land, und das entfernte Meer
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Abmaß, bis es in Dämmerung
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Sich verlor, und nach dir weinte. Wie wenig, ach!
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Bist du der sehnenden Thräne werth!
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Warm von Feiergefühl, sinnig und heimlich still,
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Kam ich nun an den trauten Ort,
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Der mich gezeugt und genährt. Meine Geliebtesten,
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Die mir die Stärke des Bluts verbindt,
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Sah'n mich, freu'ten sich mein, weinten an meiner Brust,
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Und ich weint' an der ihrigen;
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Ging zum Tempel, und dort weiht' ich der kalten Gruft
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Meiner Mutter den Thränendank;
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Ging zum Altar, und dort, wo ich als Knabe einst
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Rang und bebte und betete,
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Rang und bebt ich aufs neu', schwur der Religion
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Und der Tugend von neuem Treu'.
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Einmal sah' ich den Mond wachsend und voll im Schooß
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Meiner Lieben. Dann kehrte ich
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Durch die Nebel des Herbst wieder mit meinem Freund
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Zu den Ufern der Hylde um.
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Hylde, Hylde, ich kam itzt nicht, an deinem Strand
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Mich zu freuen, mit deiner Schar
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Ferner zu jauchzen. Ich kam, ach! um das Lebewohl
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Dir zu weinen. Mein Mißgeschick
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Rief mir Trennung, und nie hab' ich der Trennung Wuth,
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Wie die Trennung von dir, gefühlt.
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Düster herrliche Nacht, nimmer vergess' ich dein,
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Schöne, furchtbare, letzte Nacht,
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Drinn die Klage der Schar meiner Getreuesten
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Um mich hallte. Der Paukensturm
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Und der Drommeten Gejauchz, und der hochstolze Hall
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Unsrer Lieder, die stürmeten,
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Jauchzten und halleten mir Weh in das Herz, ein Weh,
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Wie es den sterbenden Helden faßt.
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Furchtbar warst du, o Nacht! Rings an dem Himmel hing
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Dicht Gewölke. Die Nacht hindurch
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Hallte unser Gesang dumpfig und seufzerlaut,
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Und die Thräne des Scheidens rann
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In den Wein, und es hing immer der Weinenden
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Einer mir um die heiße Brust,
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Schluchzt' und stammelte mir ewiges Lebewohl,
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Ewige Liebe und Treue zu!
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Aber als er nun kam, jener umdüsterte
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Wetterbelastete Augenblick,
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Der zum Scheiden mich rief, ha! da versank mein Herz
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Immer tiefer – Ach, laßt es mich,
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Laßt mich's verschweigen, wie nun unter dem Roßgeschrei,
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Unter dem Rädergeroll, des Volks
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Dumpfem Getös, wie ich da, siehe! zum letztenmal
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Durch die hallenden Gassen fuhr.
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Laßt mich's verschweigen, wie mir meine Geliebtesten
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Scharenweise zu Roß und Fuß
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Folgten, wie ich die Stadt aus dem Gesichte verlor,
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Wie ich Mittags im Wogenlärm
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Nah'ten, gleich Hagel und dunkler Nacht,
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Wie mein stammelnder Mund ihnen das Lebewohl
364
Schluchzte, den kalten Abschiedskuß
365
Ihnen weih'te, sie dann langsam das Ufer hin
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Ritten, öfter zurück noch sah'n,
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Ich im Fahrzeug betäubt, thränen- und seufzerlos,
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Ihnen nachsah, die Arme noch
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Einmal streckte, dann laut schrie und im Fluthgeräusch
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Ihrem weinenden Blick entschwand. – – –