Wo seyd ihr, all' ihr Lieben?

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Gotthard Ludwig Kosegarten: Wo seyd ihr, all' ihr Lieben? Titel entspricht 1. Vers(1788)

1
Wo seyd ihr, all' ihr Lieben?
2
Mit Sturm und heißem Drang,
3
Mit Seufzen und bangem Sehnen,
4
Ruft euch mein Wehgesang.
5
Wo seyd ihr hin, ihr Edlen?
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Was täuscht ihr mich so sehr?
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Ihr habt mich sonst geliebet,
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Und liebt mich jetzt nicht mehr?

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Ich steh' auf hohem Felsen,
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Und rolle mein Aug' umher,
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Und krauses Regengewölke,
12
Umdunkelt Luft und Meer.
13
Ich stürme durch Gebirg' und Thale,
14
Durch Morast und Dorngesträuch,
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Durch Distel und Donnernessel,
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Und dürst' und schrei' nach euch,

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Der Eichwald steht entblättert,
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Und todt und starr die Au',
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Der feuchte Herbstwind sauset
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Ueber Stoppeln kalt und rauh –
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Was trau'rst du so, o Aue,
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Was heulst du so, o Hain?
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Seyd ihr auch von den Lieben verlassen?
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Seyd ihr auch, wie ich, allein?

25
Ich bin allein, in fremdem
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Einöden Land allein.
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Noch sah ich hier noch Sonnen-,
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Noch Mond-, noch Sternenschein.
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Die Luft ist irrer Nebel,
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Und nackter Fels die Au',
31
Und klapperndes Gerippe
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Der Frost, und Reif der Thau.

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Mein Aug ist ausgeweinet,
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Mein Angesicht verbleicht.
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Da kommt kein freundlicher Wandrer,
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Der mir die Hände reicht.
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Meine Klage überhallt die Felder,
38
Die Berge, den Forst, und laut
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Gibt mir das Echo Antwort,
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Doch keines Menschen Laut.

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Ich bin allein. Es schweben
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Phantome sichtbarlich,
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Und tanzen im Wolkenwirbel,
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Und schrei'n im Sturm um mich.
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Der Sturm brüllt lauter. Das Weltmeer
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Wälzt berghoch seine Fluth,
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Und Felsenvesten erheben
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Vor des stolzen Orkans Wuth.

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Brülle nur, o Sturm, und schreie
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Wie tausend Donner laut.
51
Mir hallt dein düstres Schreien,
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Wie Morgengruß der Braut.
53
Stürme nur, und peitsch' die Berge,
54
Hochstolzer Ocean,
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Ich hör' dein Wogengetümmel
56
Wie Flötenwirbel an.

57
Was soll mir Frühlingsmilde
58
Und laues Westgeweh?
59
Es wiegt des Verlaßnen Seele
60
Nur in noch heiß'res Weh!
61
Was soll mir Haingesäusel,
62
Und Nachtigallgetön?
63
Meine Seele wird drob in Sehnsucht
64
Und düsterm Gram vergehn! –

65
Lebt wohl, lebt wohl, ihr Lieben!
66
Mein kummermüdes Herz,
67
Mein ausgeweintes Auge
68
Zuckt schon vom letzten Schmerz –
69
Lebt wohl. Im Runde der Steine,
70
Hier sey mein Grab. Hier wird
71
Mein Geist eure Wang' umschauern,
72
Wenn ihr das Grab umirrt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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