Du, o Theure meiner Seelen

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Gotthard Ludwig Kosegarten: Du, o Theure meiner Seelen Titel entspricht 1. Vers(1788)

1
Du, o Theure meiner Seelen,
2
Meine auserkorne Braut,
3
Die nach so viel bitterm Quälen
4
Mir die Liebe selbst vertraut;

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Die aus einer Welt von Schönen
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Sich mein Herze auserkor,
7
Und die mir vor allen Söhnen
8
Dieser Erde Treue schwor –

9
Hier, ach! in der trauten Stunde,
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Wo ich Lieb' aus deinem Aug',
11
Und aus deinem Honigmunde
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Paradieseswonne saug';

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Wo an deiner Rosenwange
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Meine heiße Wange strebt,
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Und mit immer stärkerm Drange
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Meine Brust an deiner bebt;

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Wo dein Hauch mit leisem Fluge
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Mich umsäuselt, und mein Geist
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Sich bei jedem Odemzuge
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In den deinigen ergeußt.

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Hier, ach! in das Meer der Wonne
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Fleußt ein Tropfen Bitterkeit:
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Wie den Glanz der Mittagsonne
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Wolkendunkel überstreut.

25
Dämm'rung sinkt vom Himmel nieder.
26
Noch, du Liebe, bin ich hier.
27
Zwar die Dämm'rung kommt wol wieder –
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Aber ich nur nicht mit ihr.

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Eh' noch mit der gold'nen Locke
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Eos durch die Himmel fährt,
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Stürmt die dunkle Abschiedsglocke,
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Stößt in meine Brust ein Schwert.

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Und das Seelenschwert im Busen,
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Muß ich deinem Aug' entfliehn,
35
Darf nicht mehr an deinem Busen,
36
Nicht an deinen Lippen glühn.

37
Hin, wo Oceane stürmen,
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Wo sich hoch vom weißen Strand
39
Ueberschnei'te Berge thürmen,
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Werd' ich einsam hingebannt. – –

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Aber stürmten gleich der Meere
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Zwanzig tausend vor mir hin;
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Riss' gleich eine ganze Sphäre
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Mich von dir, o Lieblinginn –

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Brüllt, ihr Meere, heult, ihr Winde;
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Meine Wonna liebt mich doch!
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Braus't herauf, des Abgrunds Schlünde,
48
Meine Wonna lieb' ich doch.

49
Ewig bleibt die Engelreine
50
Meiner Seele angetraut.
51
Ewig bleibet Wonna meine
52
Auserkorne theure Braut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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