Da kommt er her in allen seinen Wehen

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Gotthard Ludwig Kosegarten: Da kommt er her in allen seinen Wehen Titel entspricht 1. Vers(1788)

1
Da kommt er her in allen seinen Wehen,
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Der bange finst're Klagetag.
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Schon lange sah'n wir ihn – ein fernes Wetter – stehen,
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Und ahnten Blitz und Schlag.

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Und strömten Seufzer, daß sein Falkenflügel
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Gehemmt, und seiner Faust das Schwert
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Entrungen würd'! – Umsonst! Schon schwärzet Wald und Hügel
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Die Wolke, d'rinn er fährt.

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Sein Morgenroth ist trüb' und bleich gestaltet,
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Und seines Odems Frost verdirbt –
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Des Frühlings Erstgeburt, das Veilchen, halb entfaltet,
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Fühlt seinen Hauch und stirbt.

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Und gräbertrüb' – zween Sterne, von Gewittern
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Und Nebeln rund umdunkelt – stehn
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Die Jünglinge, die uns sein Kommen raubt, und zittern
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Vor seiner Flügel Wehn – –

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Was stehet ihr, ihr Jünglinge, und zittert,
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Daß ihr uns lassen sollt? – Verlaßt
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Uns nicht. Der Morgen weht so kalt. Die Eiche splittert,
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Von wildem Sturm gefaßt.

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Verlaßt uns nicht. Gedenkt der Maientage,
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Die ihr mit uns so froh genoßt.
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Sie fliehn. Ihr laut Gejauchz verwandelt sich in Klage,
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Und Jugendgluth in Frost.

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Gedenkt der Freuden, die im Jubelkreise
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Ihr öfters uns entgegen sangt,
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Wo ihr, entbrannten Aug's, nach echter deutscher Weise,
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Das volle Kelchglas schwangt.

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Gedenk', o goldgelockter Freund, der Wonne
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In deines Mädchens Minneblick –
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Wie Maienfrühroth sanft, wie Glanz der Sommersonne.
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Gebietend strahlt ihr Blick.

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Gedenk', o du, deß Geist mit Flammenblicke
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Der Wahrheit Heiligthum durchflog,
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Der Schätze, die du grubst, der Blumen, die am Ricke
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Dein Fleiß herauf erzog.

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Noch braus't, wie Bergstrom, der das Feld beschwemmet,
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So wild, so frei eu'r Herz dahin.
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Da, wo ihr hingeht, schnaubt die Sklaverey, und hemmet
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Des Jünglings stolzen Sinn.

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Verlaßt uns nicht! – Noch steht ihr bleich und trübe?
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Und klagt des Schicksals Steifsinn an,
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Klagt, daß sein Felsenwort euch von den Freunden triebe? –
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So gehet, gehet dann!

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Der sey nicht edel, sey nicht werth des Namens,
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Den eure Freundschaft ihm geschenkt,
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Der nicht mit Seelendrang und Wärme eures Namens,
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Ihr fernen Edlen, denkt!

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Der werde, wie er euch vergaß, vergessen,
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Der nicht mit klärerem Gesicht
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Im Freudenzirkel, wo auch ehmals ihr gesessen,
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Von euch mit Freuden spricht!

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Heut' aber klagen wir gerührt und bange
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Um euren Hinschied, schämen nicht
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Der Thränen uns. Denn – selbst des Helden braune Wange
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Entehrt die Thräne nicht!

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Ihr wandelt hin, und jedem eurer Tritte
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Strömt heiß ein Heer von Seufzern nach,
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Und wird zum Genius, und leitet eure Schritte
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Durch jeden Erdentag.

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Wir aber wandeln mit gesenktem Blicke
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An unsern Strand zurück, und Der
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Rauscht uns entgegen, klagt: »Der Herrlichen am Ricke,
64
Sind Zweene weniger!!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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