Hast du wol eh' die Sterne gesehn? –

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Gotthard Ludwig Kosegarten: Hast du wol eh' die Sterne gesehn? – Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Hast du wol eh' die Sterne gesehn? –
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Ihr'r ist so wunder viel.
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Ihr Gesicht ist herrlich anzuschau'n,
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Auch gar zu herrlich und hehr!
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Ich bin manche liebe liebe Nacht
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Hinaus gegangen, und hab'
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Die große Gotteskraft beschau't
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In seinem Sterngebäu.

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Jetzt eben – es ist nach Mitternacht –
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Ich bin hinaus gewest,
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Zu denken an mein Mädchen daheim –
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Ich konnt' nicht denken dran.
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Ich mußte denken an Gott, den Herrn,
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Den Sternbaumeister so groß.
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Ich mußte knien, mußte heiß
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Anbeten den

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Du Großer – Großer – – Wie ist Dein Nam'?
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Er ist die
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Dein freundlicher Jünger
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Den Jünger hab' ich lieb.)
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Du bist die Liebe – Du Liebesgott,
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Wie sing' ich Dir dann. Wie fleußt
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Mein Herz Dir aus, das voll ist, voll
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Von Deinem Sterngebäu?

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Die Nacht, die ist so klar. Es ist
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Der Himmel so blau. Der Mond
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Steht nicht daran. Das Blaue hindurch
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Blinkt mehr denn Mondenschein.
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Viel tausend tausend Sterne sind's,
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Die blitzen klein und groß
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Das schöne Dunkelblau hindurch –
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Das machte Gott, der Herr!!

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Ich steh' und schau' empor, und schau'
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Die Sternlein all'. Sie steh'n
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Da oben so die Kreuz und Quer,
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So wild und doch so wahr
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Und schön geordnet. – Fürwahr! Das muß
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Ein großer Meister seyn,
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Ein großer weiser Baumeister – Er hat's
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Auch gar zu herrlich gebau't. – –

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Dort steht ein Stern, ist groß und hell,
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Und brennt und leuchtet sehr –
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Hast du wol eh' den Stern geseh'n?
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Er ist so werth des Aug's.
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Dort, denk' ich, mag's wol seyn, wo nun,
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Wie mir Freund
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Mit seinen Jüngern all'.

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Der Du den klaren Stern
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Dort hoch bewandelst, blick' auf mich
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Mit Deinen Jüngern all'.
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Blick' her, wie hier im bereiften Gras
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Ich niederknie vor Dir,
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Und bete: Du seyst, Wundermann,
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Dem Sternbaumeister so lieb! –

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Auch steht vom hellen Stern nicht weit
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Ein andrer Stern. Er sieht
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So trüb', so trüb'. Sein Antlitz ist
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So röthlich dunkel und doch
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Dabei so lieblich. Ich muß ihn stets
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Anseh'n mit leisem Schau'r.
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Denn sieh! mich ahnt's, als wandeln dort
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Die Lieben, die ich verlor!

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Der Lieben, die ich verloren hab',
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Der sind schon viel. Ich hatt'
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Eine Mutter sanft und liebevoll
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Und mild' und menschenhold.
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Die hatt' mich immer so lieb. Sie hat
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Zwölf Monden mich gesäugt
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An ihrer Brust, auf ihrem Schooß
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Vier Frühlinge geherzt.

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Vier Frühlinge waren um. Da starb
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Meine Mutter!! Sanft und süß
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Schläft nun im Tempel Gottes ihr Leib.
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Den klagend milden Geist,
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Den trugen weg vom Jammerthal,
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Wo stets ihr Auge geweint,
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Drei heil'ge Engel, sanft und schön,
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Zum trüblich milden Stern.

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Auch hab' ich eine Schwester gehabt.
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Sie war noch klein. Sie hat
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Mit ihrem dreijährigen blauen Aug'
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Die Sternlein selten geseh'n.
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Da kam ihr Engel schon. Er gewann
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Sie lieb, und nahm sie mit.
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Sie entschlief auf unsrer Mutter Schooß,
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Und schläft zur Rechten ihr.

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Auch die mich liebten, denen ich's
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Oft sagt': Ich bin dir gut,
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Auch derer sind viele todt, gewelkt
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In ihrem Morgenblühn!! –
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Doch getrost! sie wallen oben nun
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Im trüblich milden Stern,
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Und lächeln mir herab, sind mir
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Noch gut, und lieben mich! – –

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Ihr Lieben, gehabt euch wohl, bis ich
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Euch wieder seh'. Ich seh'
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Doch bald euch wieder? Mir wird die Zeit
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Hienieden schon zu lang!!
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Hienieden ist doch nicht Freud'. Es ist
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Nur Tand und Augenschein.
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Die ew'ge Freudensonne brennt
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Bei euch da oben. – So sprach

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Ich in dem Nachtspaziergang. Es schoß
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Nordaufwärts hell ein Schein,
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Weiß, strahlend, herrlich anzuschau'n,
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Mir ward so hehr. Mir ward,
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Als wär's Elias Wagen, als führ'
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Ich schon hinauf zu Dir,
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Du großer
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Ihr lieben Todten all'!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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