Fern von meinem Vaterlande

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Gotthard Ludwig Kosegarten: Fern von meinem Vaterlande Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Fern von meinem Vaterlande,
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Fern vom Ort, der mich gebar;
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Weilt mein Fuß in fremdem Lande,
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Wo der Meinen keiner war;
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Fern von allen meinen Lieben,
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Spuken Larven um mich her,
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Seelelos, und von den Trieben
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Warmer Menschenfreundschaft leer.

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O! wo seyd ihr nun, ihr süßen
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Heimischen und stillen Höh'n,
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Wo ich meinen Morgen sprießen,
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Und in seinem Blüh'n geseh'n,
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Wo mir in der Lieben Mitte
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Jeder Tag, ein Fest, verschwand,
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Und auf jedem meiner Schritte
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Ein vertraulich Mädchen stand?

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Rein, wie euer reiner Himmel,
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Sanft, wie eure sanfte Luft,
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Hört' ich da kein Stadtgewimmel,
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Hauchte keinen Gräberduft.
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Kannte nicht die wilden Freuden,
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Drin die Thorheit sich vergnügt;
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Nicht der Unschuld heimlich Leiden,
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Wenn die Frechheit sie bekriegt.

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Nein, in euren stillen Gründen
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Hauchte Schönheit und Natur.
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Zwischen dunkelgrünen Linden
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Wohnt' ich auf vertrauter Flur.
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Heiter fand mich jeder Morgen,
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Ruhig jedes Mittags Pracht,
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Jede Dämm'rung, frei von Sorgen,
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Leis' entschlummert jede Nacht.

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Früh ergriff ich meine Flöte,
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Wandert' durch bethaute Au'n,
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Sah des Morgens erste Röthe
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Hinter
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Sah den jüngsten Strahl der Sonne,
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Wie er mild die Flur bestrich,
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Und des Morgens ganze Wonne
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Goß sich segnend über mich.

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Tages auf den bunten Matten,
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Zwischen Wiesen, Hain und Bach,
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Spürte ich auf leisen Schritten,
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Freundliche Natur, dir nach,
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Trank an deinem Mutterbusen
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Reine Weisheit, echten Ruhm;
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Und die lieblichste der Musen
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Zog mich in ihr Heiligthum.

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Blickten dann die Abendsterne
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Lieblich aus den blauen Höh'n,
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O, wie lauscht' ich da so gerne
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Auf des Unbekannten Weh'n,
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Horchte, wie, gleich Waldesstimme,
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Seine Stimm' die Flur beschlich,
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Und mir ahndete, als schwümme
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Leise Gottheit rings um mich,

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Und ein heimlich hohes Grauen
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Zuckte mir durch Mark und Bein.
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Ich entfloh den offnen Auen
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Und dem hellen Mondenschein,
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Warf mich hin am dunklen Seë,
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Wo der Wind den Schilf belief,
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Und ihr süßes Klagewehe,
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Nachtigall und Unke rief.

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Da entquollen leise Töne
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Meiner Flöte, wie dem Bach
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Wellen, und dem Klag'getöne
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Floh'n die Abendgeister nach.
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Längs dem Schilfe hört' ich's säuseln
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Klärer, als ein Zephyr saus't,
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Sah die Fluth des Sees sich kräuseln
72
Schöner, als ein West sie kraus't.

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Heller glitschte von dem Seë
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Mondschein jenseits auf die Au',
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Milder träufelt' aus der Höhe
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Auf mein Haar der Abendthau;
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Und dem armen süßen Schwärmer
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Ward es von erträumter Lust
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Immer wärmer, immer wärmer
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Und erhabner um die Brust.

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Todt für Haß und Zorn und Liebe,
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Todt für jede Leidenschaft,
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Rissen namenlose Triebe
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Mich hinweg mit Geisterkraft.
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Hoch auf Abendsternenstrahlen
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Stieg ich himmelan, und sah
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Mond und Erd' im Tiefen wallen:
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Und mich selbsten Eden nah.

89
Oft auch sah ich, wie die Wolke
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Flamm' und Hagel um mich spie,
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Doch umringt von Geistervolke,
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Bebte meine Seele nie.
93
Windsbraut war mir Gottes Wagen,
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Donner sein Trompetenhall,
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Blitz die Rosse, die ihn tragen,
96
Und sein Troß des Hagels Fall. – – –

97
Ach, den Frieden, der so milde
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Dort auf meine Seele floß,
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Ferne scheucht ihn dieß Gefilde,
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Wie den Thau des Windes Stoß.
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Leer, wie diese öden Felder,
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Find' ich diesen Busen hie.
103
Keine Feier heil'ger Wälder,
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Keine Bergkluft schmücket sie.

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Und die Lieben, all' die Lieben,
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Die mir Blut und Neigung band,
107
Deren Umgang jeden Trieben
108
Meiner Seele Nahrung fand,
109
Die in meines Busens Wunden
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Oehl und Balsam träufelten,
111
Und in freudevollen Stunden
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Doppelt Lust mir lächelten,

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Die – und ach! die Busenfreundinn,
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Mild, wie Milch, wie Rosen schön,
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Meiner Jugend frühe Freundinn,
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Richtung meiner Lust und Weh'n,
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Die mich mehr als Abendsterne,
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Mehr als Wald und Nacht erfreut –
119
Die auch, die auch, ach! ist ferne,
120
Und vergrößrunglos mein Leid. –

121
Schicksal, Schicksal, welche Schlüsse
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Schleudern mich aus freundem Land,
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Ueber Berg und Thal und Flüsse,
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Her an diesen öden Strand,
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Wo gesetzlos handeln Ehre,
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Wo die Freundschaft Heuchlerlist,
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Wo Empfindsamkeit Chimäre,
128
Und die Liebe Wollust ist.

129
Kalter Schauder gießt mich über,
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Todes Schrecken bleckt mich an.
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Oft schon ging er vor mir über,
132
Kalt und blaß, der Sensenmann.
133
Ha! den Stahl aus seinen Händen
134
Rüng' ich längst, und wär' entfloh'n,
135
Hielt' mich nicht mit Demantbänden
136
Weisheit und Religion!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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