Vorbote des jüngsten Gerichts

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Clemens Brentano: Vorbote des jüngsten Gerichts (1808)

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Einstmals war ich ein Wandersmann,
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Reisend durch fremde Land,
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In eine Stadt ich käme an,
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Wo ich nicht war bekannt;
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Ich war so müd und ja so matt,
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Daß ich kaum essen mocht,
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Mich dünkt, ich war vorhin schon satt,
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Eh noch was ward gekocht.
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Ich ließ das jüngst Gerichte,
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Und legt mich auf das Stoh,
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Wohl mit dem Angesichte,
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Wie ich denn pflegte so.

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Ich lag gar sanft geschlummert ein,
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Und gleich im besten Schlaf,
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Erquickte fein die Glieder mein,
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Als wie ein müdes Schaf;
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Da hebt sich an ein grosser Lerm,
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Es ward ein Feuersbrunst:
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Es brennt, es brennt, daß Gott erbarm,
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Schrie man und nicht umsunst.
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Bringt Wasser, Leiter, Hacken,
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Ihr Nachbarn eilt herzu;
23
Sturm schlug man an den Glocken,
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Das machte groß Unruh.

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Bald ich erhub auch meinen Kopf,
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Wust nicht, ob träumte mir,
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Ich mußte auf, ich armer Tropf,
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Da half mir nichts dafür;
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Ich lief zum Fenster, schaut hinaus,
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Nahm ein den Augenschein;
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Ich sah das grosse Elend draus,
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Es mocht nicht ärger seyn.
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Was sollt ich weiter machen,
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In der betrübten Nacht;
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Mir wohl verging das Lachen,
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Ein jeder es eracht.

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Es war ein Zeit gekommen schon,
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Das Wasser war zu theuer,
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Und wo ich schau und wo ich wohn,
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Das vielgefräßge Feuer;
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Gar alle Gassen lief es auf,
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Die Funken flogen sehr;
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Von Platz zu Platz, von Haus zu Haus,
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Um sich griffs immer mehr.
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Glückselig sich der schätzte,
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Ders Leben bracht davon;
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Auf Glut und Asche setzte
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Sich hoch des Feuers Thron.

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Propheten, Patriarchen Chör,
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Und die Apostel auch,
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Evangelisten, ander mehr,
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Nach ihrem alten Brauch;
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Sie schreien rings und machen Lerm
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Aufmuntern Bös und Fromm;
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Es brenn, es brenn, daß Gott erbarm,
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Wer löschen mag, der komm.
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Die Häuser man verlasset,
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Und eilet auf die Berg;
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Mich da der Anblick fasset,
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Daß ich mich bald verberg.

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Da schrie und rief die tiefe Stimm,
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Wohl bei dem Feuer-Thron mit Grimm:
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Der jüngste Tag wird sich bald finden,
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Solches verkündge den Menschenkindern;
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Mann und Weib, dem thu ichs klagen,
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Was ich in meinem Herzen thu tragen;
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Ich eß oder trink, ich schlaf oder wach,
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Oder was ich auf Erden mach,
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So kommet mir nimmer aus meinem Ohrn,
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Das greulich und grimmige Horn,
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Das da thönet ohne massen Grimm,
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Und schreit mit erschrecklicher Stimm:
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Steht auf ihr todten Leut,
74
Zu dem Gericht Gottes müßt ihr heut;
75
Die Posaune die Todten auferweckt,
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Und auch die ganze Welt erschreckt.
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Nun höret zu, was ich euch sag,
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Es kommen vorher funfzehn Tag,
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An dem ersten Tag, da fang ich an:
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Die Wasser lassen ihr laufen stahn,
81
Sie rinnen nicht mehr über Land,
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Sie lehnen auf wie eine Wand,
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Sie thun gar gräulich sausen,
84
Daß mans in der ganzen Welt hört brausen.
85
Darnach wohl an dem andern Tag
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Nach der lieben heiligen Sag,
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So kommen die Wasser wieder hernieder,
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Daß man sie kaum siehet wieder,
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Ja daß man sie kaum gesehen mag.
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O weh, wie jämmerlicher Tag.
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Der dritte Tag ist so grimm,
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Die Fisch im Meer schreien mit lauter Stimm,
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Und gar jämmerlich schreien alle Meerwunder,
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Doch ein jeder in seiner Art besunder;
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Also hart klagen sie ihre Noth,
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Daß sie müssen leiden den Tod.
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Der vierte und jämmerliche Tag,
98
Und höret zu, was ich euch sag,
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So muß die Welt groß Leid gewinnen,
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Wenn sie thut sehen das Wasser brinnen,
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Und das ganze Erdreich zumal,
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Da ist grosser Jammer überall.
103
Der fünfte Tag gar greulichen thut,
104
Alles Laub und Gras, das schwitzet Blut,
105
Das Laub wohl an den Aesten rinnt,
106
Wer das ansieht groß Leid gewinnt,
107
Das Erdreich wird von Blut so roth,
108
Das mag wohl seyn ein grosse Noth.
109
Darnach kommt der sechste Tag,
110
Und bringet mit sich ein greulich Klag,
111
Haus und Hof niederfällt,
112
Wie fest es auf Erden war gestellt;
113
Doch fällt alles nieder zu der Erd,
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Silber und Gold wird seyn gar unwerth.
115
Der siebente Tag gar greulich ist,
116
Ein grausam Geschrey hört man zur Frist,
117
Ein Stein thut sich am andern schlagen,
118
Daß die Leut schier mögten verzagen;
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Wer dann lebt, der muß alten,
120
Wenn er sieht die Stein verspalten.
121
Der achte Tag, vernehmt mich wohl,
122
Gar greulich Wunder bringen soll,
123
Der grossen Erdbeben kommen so fast,
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Daß weder Menschen noch Vieh hat Rast.
125
Es fällt alles nieder zu der Stund,
126
Und spricht: O weh, der Tod kummt!
127
Der neunte Tag läßt nichtes stahn,
128
Alle Berg und Hügel müssen sich niederlahn,
129
Die grausamen, hohen Berge überall,
130
Die fallen hernieder in das Thal,
131
Und wird das Erdreich ganz eben,
132
O wie bitter wird seyn das Leben.
133
Der zehnte Tag kommt bitterlich,
134
Die Leut schreien gar jämmerlich,
135
Die sich in Klüften haben verborgen,
136
Die kommen hervor mit grossen Sorgen;
137
Ihr keiner schier mehr reden mag,
138
Also sehr fürchten sie den jüngsten Tag.
139
Der eilfte Tag kommt gar klärlich,
140
Die Todtenbein erzeigen sich,
141
Vor dem Grab sieht man sie liegen,
142
Das soll euch nicht seyn verschwiegen;
143
Wann die lebendigen Leut das sehen,
144
Vor grosser Angst sie dann vergehen.
145
Der zwölfte Tag thut so grausam wallen,
146
Dann sieht man die Stern vom Himmel fallen;
147
Und fliehen durch die ganze Welt zumal,
148
Da ist groß Jammer überall.
149
An dem dreyzehnten und schrecklichen Tag,
150
Nun höret zu, was ich euch sag,
151
Daran müssen alle Menschen sterben,
152
Die kommen sind aus dieser Erden,
153
Daß sie von dem Tod auferstehen,
154
Und sämmtlich vor den Richter gehen.
155
Der vierzehnte Tag gar greulich ist,
156
Davon verbrennt die Welt in kurzer Frist,
157
Luft, Wasser und Erdreich, alles da brinnt,
158
Und überaus groß Leid gewinnt;
159
Denn alles, was gemacht ist aus der Erden,
160
Muß wieder zu Staub und Aschen werden.
161
Am funfzehnten Tag, das ist wahr,
162
Da wird eine neue Welt gar schön und klar,
163
Alsdann müssen alle Menschen auferstehen aus dem
164
Grab,
165
Wovon uns die heilige Schrift klar Zeugniß gab;
166
Der Engel mit dem grossen Zorn,
167
Ruft allen Menschen durch das Horn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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