XxXVI. Truebe Ahnung

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Ludwig Bechstein: XxXVI. Truebe Ahnung (1830)

1
»kein Himmel ist so helle, dass ihn kein Wölkchen trübt;
2
Kein Flügel ist so schnelle, der nicht auch Ruhe liebt.
3
Kein Herz ist so zufrieden, dass es nicht Wünsche hegt,
4
Es hofft ein Herz hienieden bis man's zu Grabe trägt.«

5
»und mir, mir sollte Ruhe durch stilles Glück erblühn?
6
Dazu sind meine Wünsche zu hoch und überkühn.
7
Das Glück wird nie gebunden an Wesen, Zeit und Raum;
8
Das Glück wird nie gefunden, als nur im Hoffnungstraum.«

9
»eine graue Riesenmutter sitzt überm Ei der Welt,
10
Das sie mit eh'rnen Ketten an sich gefesselt hält.
11
Und unaufhörlich regt sich ihr dunkles Flügelpaar,
12
Wild ineinander wirrend umweht sie Schlangenhaar.«

13
»sie hält in ihren Händen ein schneidend Schwert empor;
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Umflammt von rothem Mantel wie Nordlands Meteor.
15
Aus ihrem Schooss gebiert sie drei Drachen: einer
16
Der andre

17
So Faustus spricht zum Wagner in stillvertrauter Stund,
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Und dieser: »Tiefe Räthsel verkündet Euer Mund.
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Dürft' ich die Deutung wagen, wie solches Ihr gemeint,
20
So möcht' ich frei Euch sagen, wie mir der Sinn erscheint.«

21
»die graue Riesenmutter ist
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Die brütend überm Weltei, gleich einem Drachen, wacht.
23
Das

24
»und ihres Hauptes Wirrhaar ist
25
Dem wirds zur güldnen Kette, dem andern wirds zum Strick.
26
Ein Ariadnenfaden wirds dem zu Glück und Heil,
27
Ein Spinneweb der Hoffnung führt's den am Narrenseil.«

28
»ihr schneidend Schwert ist
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Den breitet sie gar weit aus, so über Süd als Nord.
30
Und ihre Drachenkinder? Die träge
31
Was

32
Mit trübem Sinnen Faustus zum treuen Freunde spricht:
33
»o nein, Du deutest, Wagner, mir meine Räthsel nicht!
34
Und wenn auch nicht verachtbar mir Deine Deutung scheint,
35
Mir brennt's im Herzen anders, und anders ist's gemeint.«

36
»
37
Die
38
Die
39
Ueberm Haupte Gottverhasster regt sie das immerdar!«

40
»ihr Haar ist das
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Und schwebend ob dem Sünder hängt stets ein Schwert daran.
42
Das Schwert, das heisst
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Der wie ein Flammenmantel um ihre Schultern weht!«

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»und nun? Das Drachenkleeblatt, das sie geboren hat?
45
Den ersten nenne
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Der dritte folgt als
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Und Zähne, spitz wie Dolche in Sünderherzen schlägt.« –

48
›o Herr, warum so trübe, warum so schmerzgepresst?
49
Auf Freundschaft baut und Liebe, wenn Euch die Ruh verlässt!
50
Blickt nicht hinaus zur Zukunft in dunkle Mitternacht,
51
Freut Euch des hellen Tages, dess Gegenwart Euch lacht!‹

52
»bald wird der Tag verschwinden, bald wird sein Schein vergehn,
53
Mit düstern Schauerflügeln wird mich die Nacht umwehn.
54
O dass ich nicht den Schimmer, den eiteln, angeblickt!
55
O dass mich nie die Blendung vom rechten Pfad entrückt!«

56
»ich irr' in einer Wüste, die rings an Labe leer;
57
Ich bin hinausgeschleudert in ein empörtes Meer.
58
Ich schwimme noch, ich schwanke im öden Ozean,
59
Ach, eine morsche Blanke nur ist mein Lebenskahn!« –

60
Zur Seite steht Mephisto, der schielt nach Faustus arg,
61
Und spricht: »Für solchen Träumer wird jedes Bret zum Sarg.
62
Der grösste Thor ist immer, der sich mit Sorgen quält,
63
Der selbst im Schooss Fortunens unwissend, was ihm fehlt.«

64
»dem Thoren, dem nichts recht ist, der meiner Müh nicht dankt,
65
Der täglich mit dem Himmel, wie mit sich selber zankt,
66
Dem mag ein Andrer dienen, ich bin nicht neidbewegt,
67
Fast möcht' ›Gottlob‹ ich sagen, dass bald sein Stündlein schlägt!«

68
»kein Himmel ist so glanzhell, dass ihn kein Wölkchen trübt,
69
Kein Flügel ist so ganz schnell, dass er nicht Ruhe liebt.
70
Ihn risse kindsches Wüthen aus sieben Himmeln los.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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