XxVII. Der Zaubersaal

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Ludwig Bechstein: XxVII. Der Zaubersaal (1830)

1
Heil, ewges Heil dem Herrscher, der Kunst und Musen liebt;
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Der, für das Gute glühend, zugleich auch Schönes übt!
3
Denn Gutes ist die Richtschnur, bestimmend Menschenwerth,
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Doch Schönes ist der Lichtstrahl, der uns zum Gott verklärt.

5
Der Kaiser lohnet fürstlich den wunderbaren Mann,
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Der solcher Dinge mächtig, wie Keiner je begann.
7
Oft schliesst er mit dem Magus sich in die Zimmer ein,
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Oft geht mit Faust er huldvoll lustwandelnd durch den Hain. –

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Einst als der gute Kaiser früh aus dem Schlaf erwacht,
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Glaubt er sich noch umfangen von einem Traum der Nacht.
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Die Wände seines Zimmers sind frisch mit Grün belaubt,
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Ein golddurchwobner Lorbeer umrauscht sein Herrscherhaupt.

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Und rings ist holder Maiglanz, rings bunte Blumenzier,
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Der Boden Wiesenteppich, die Deck' ein Lustrevier,
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Wo sich in hoher Wölbung der Bäume Laub verschlingt,
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Darin manch lustges Vöglein die zarten Lieder singt.

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Und Früchte neigen schwellend sich in die Kaiserhand,
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Aus Blätterfülle quellend rings um des Lagers Rand.
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Es leuchten neben Blüthen Limonen goldhell, süss,
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Der Feige weiche Saftfrucht mahnt an das Paradies.

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Der Herrscher hebt verwundert sich von der Lagerstatt,
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Er sieht sich an der Lustpracht, am Farbenschmelz nicht satt.
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Wie sind die Blumen duftvoll, die hier so schnell erblüht!
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Wie diese Trauben reif schon, da noch der Sommer glüht?

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Und Nachtigallenbrautlied ertönt mit hellem Schlag,
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Und doch ist längst vorüber des Jahres längster Tag!
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Wenn diese Pracht kein Traum ist, die mich so hold umlacht,
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So muss sie Zauberwerk sein, das Faust mir zugedacht.

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Noch lange weilt der Kaiser, und sinnt, ob er nicht träumt;
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Die Kämmerlinge wunderts, dass der Gebieter säumt.
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Und fürchtend für sein Wohlsein aufthun die Thür sie sacht,
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Da sie der Wunderprachtglanz mit Recht erstaunen macht.

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Und fröhlich spricht der Kaiser: »Ruft mir den Hof herein!
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Lasst Damen mir und Ritter des Zaubers Zeugen sein!
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Auch ruft mir die Gesandtschaft, dass sie die Pracht erblickt,
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Mit der ein trauter Freund uns die Wohnung ausgeschmückt!«

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»und ruft mir her den Meister, der freundlich uns erfreut,
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Der auf den Lebensbecher uns Rosenblätter streut!
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Denn Kunst ist eine Rose, gar herrlich ist ihr Blühn,
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Stets lohne wackern Künstlern des Dankes Immergrün!«

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Und alle Ritter kamen herbei dem Herrscherruf,
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Es schaun des Hofes Damen die Pracht, die Zauber schuf.
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Da schritt der hohe Meister zum Blüthenraum heran,
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Und neigte sich voll Ehrfurcht vor Maximilian.

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Wie durch den neuen Lusthain die Gäste wandelnd gehn,
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Da rauscht es durch das Buschwerk wie Frühlingsäuselwehn.
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Und leichte Silberwölkchen ziehn an der Deck' im Saal,
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Drauf dunkelt sich's, und lieblich glänzt Mond- und Sternenstrahl.

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Dann wird das Schattendüster vom Morgenroth erhellt,
50
Ein sanfter Regen tränket die junge Blüthenwelt.
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Die Sonne hehr im Goldglanz sich hinter Bäumen hebt,
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Und überm Zauberlustwald ein Regenbogen schwebt.

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Und wie noch die Versammlung mit stillem Staunen schaut,
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Wird bleich der Wolken Lichtschein, des Himmels Glanz ergraut.
55
Die Sonne hüllet Nacht ein, und Blitze kreuzen hell,
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Und jedem glühen Blitzstrahl folgt gleich der Donner schnell.

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Und bald abträufelt schneekalt feinkörn'ger Hagel kraus;
58
Und Damen fliehn und Ritter zum Zaubersaal hinaus.
59
Bald Schlossen prasselnd schmettern auf die, die spät entfliehn,
60
Doch sicher sitzt der Kaiser, ihn schirmt ein Baldachin.

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Und mit dem schönen Kunstwald, den All' mit Lust geschaut,
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Tanzt jetzt gar lustgen Kehraus die rasche Windesbraut.
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Und als vorbei das Wetter lacht, wieder Sonnenstrahl,
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Doch ist hinweg der Zauber, und 's ist der alte Saal. –

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So wechselt Glückes Huldblick, so wechselt Hoher Gunst;
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Manch hoffnunggrünes Luftschloss ist nur Phantom und Dunst.
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Und dass Dich's nur nicht stolz macht, wenn solches Luftschloss Dein!
68
Doch magst Du seines Glanzes, so lang er währt, Dich fren'n!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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