XxIV. Der Schatz

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Ludwig Bechstein: XxIV. Der Schatz (1830)

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Der Schätze viele giebt es, verschieden ist ihr Ort,
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Verschieden sie zu heben ist auch das Zauberwort.
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Gar mancher liegt uns nahe, zu dem der Blick nicht dringt,
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Indess oft Kraft vergebens nach fernen Gütern ringt.

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So ruht in manchem Herzen ein Zauberhort gar still,
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Der an des Tages Helle herauf nicht steigen will;
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Der, hold im Dunkel leuchtend, sich dem nur offenbart,
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Der seines Glücks Geheimniss in treuer Brust bewahrt.

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Heil, wem solch innrer Reichthum ersetzt das äussre Glück!
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In Schmerzennächten strahlt ihm des Trostes Silberblick.
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Ihm quillt die Freudenzähre vom Herzen warm herauf,
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Ein Steiger aus der Teufe mit fröhlichem

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Und will ihn Gram umnachten, umtosen Sturmgebrüll,
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Birgt er sich in die Schachten des reinen Innern still,
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Lässt droben Wogen tosen, so wie die Meerfei thut,
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Die süss auf blühnden Rosen tief im Krystallschloss ruht.

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Doch solche Schätze kennt nicht, wer wild durchs Leben treibt,
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Ein bleichgespenst'ger Schiffer, der fern vom Hafen bleibt.
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Der den Sirenenliedern nachzieht in voller Hast,
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Und statt der hehren Göttin ein Wolkenbild umfasst.

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Ein Solcher gräbt und schaufelt nach Gold und reichem Gut,
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Das tief im dunkeln Reiche der Nachtdämonen ruht.
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Er buhlt mit Zauberformeln, erzwingt mit Schwüren Gunst,
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Ein solcher ist auch Faustus, ausübend gleiche Kunst.

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Nicht g'nug des Gutes schafft ihm der Geist, so dienstbereit,
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Hinschleudert er den Mammon, wie seine Seligkeit.
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Wild zwingt sein Trotz die Hölle zu halten den Vertrag,
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Und quälet seinen Diener mit Wünschen Tag um Tag.

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Wer ist im Leben wunschlos? Wer nicht an Wünschen reich?
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Und stellt ihn Glückes Laune dem ärmsten Bettler gleich?
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Und ob es ihn emporhebt auf einen Königsthron,
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Stets bleiben Wunsch und Hoffnung vereint dem Erdensohn.

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Ein Schatz ruht in der Zukunft, der
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Und den bewachet achtsam ein wunderbarer Geist.
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Ein Geist, gar ernst und furchtbar, gerüstet stets zum Streit,
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Den keine Formel bindet, kein Bannspruch schreckt –

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Doch wird des Schatzes theilhaft, wer kundig der Magie,
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Und eine Wünschelruthe besitzt, die fehlschlägt nie.
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Nur sei der Wunsch bescheiden, der Magus frei von Schuld;
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Ein

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Faustus durchstürmt die Länder, reich, und doch hoffnungsleer,
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Ihm ruht im Schooss der Zeiten kein Eldorado mehr.
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Die Jahre fliehen eilend dahin wie Stromeslauf;
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Vergangenheit ist's Weltmeer, das nimmt den Zeitstrom auf.

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An dessen Ufern irren Gespenster auf und ab;
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Sie winken und sie tauchen in Schauertiefen hinab.
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Der Ruhm steht nackt am Meerstrand, und haucht sich in die Hand;
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Die wilden Wogen raubten ihm längst sein Prachtgewand.

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Die Freude wandelt traurig, verhüllt ihr Angesicht;
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Als Göttin, die vom Thron sank, ihr Blumenscepter bricht.
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Die Hohheit steht und deckt kaum die nackten Blössen zu,
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Der Jubel schweigt, nicht schläfrig, und wünscht sich ew'ge Ruh.

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Zerbrochne Kronen werfen die Wellen an den Strand;
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Verwelkte Kränze liegen verstreut am Uferrand.
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Zerschellter Harfen Saiten durchsaust der Nachtorkan,
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Nachklänge schönrer Zeiten wimmern übern Ozean.

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Doch was sind schöne Zeiten, und wann ist schöne Zeit? –
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O sucht den Schatz der Freuden nicht in Vergangenheit!
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Nie waren Zeiten schöner, als ihr sie heut erblickt,
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Nur dass Erinnrungszauber das Sonst mit Blüthen schmückt.

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Ihr preisst der Kindheit Freuden! Sagt, habt ihr sie gefühlt?
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Ihr rühmt das Glück der Jugend! Hat Euch kein Schmerz durchwühlt?
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Ihr wünscht, hat Euch das Alter die Sehnen nun erschlafft,
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Zurück die schönen Jahre der blühnden Manneskraft!

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Saatkörner sind die Freuden in die Vergangenheit,
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Begraben oft mit Thränen, dem dunkeln Gott geweiht.
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Doch grünt Erinnrung dorten als schöner Rosenstrauch,
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Und trägt er Freudenblumen, trägt er Schmerzdornen auch. –

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Der Schätze viele giebt es, von Sterblichen geschätzt,
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Bald ihrer Hoffnung Zielpunkt nach grosser Müh gesetzt,
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Bald der Erinnrung heilig, ein Todtenhof der Zeit,
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Vom Zauberbaum des Lebens mit Blüthenschnee bestreut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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