XiX. Der Regenbogen

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Ludwig Bechstein: XiX. Der Regenbogen (1830)

1
Wer kann den Himmel fassen, wer über Wolken gehn?
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Wer auf der Asgard-Brücke, wie Heimdal, selig stehn?
3
Greift nach dem Friedensbogen, wem doch der Friede fehlt,
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Dem er sein Selbst entzogen, von Zweifeln bang gequält? –

5
Und Faustus, wie so friedlos, freudlos und ruhelos
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Ist er, klein an Vergnügen und doch an Ruhm so gross!
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So arm an Wunscherfüllung und doch an Wünschen reich,
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So niedrig hier wie Bettler, dort Pharaonen gleich!

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Er will nicht mehr die Menge, nicht mehr des Ruhms Geleit,
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Ihm ist die Welt zu enge, doch Einsamkeit zu weit.
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Ist müde der Bewundrung, geht friedlich seine Bahn,
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Und schliesset still sich Menschen zufriednen Sinnes an.

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Mit Handelsleuten zieht er, die nicht für Wunder Sinn,
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Ihr Zauberstab heisst
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Das Hundert thun zum Hundert ist ihre Wissenschaft,
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Und wird sie nicht bewundert, übt sie doch Zauberkraft. –

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Hoch auf dem Odenwalde hebt sich ein stolzes Schloss,
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Den Herrn drin zu begrüssen zieht hin der Krämertross.
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Sie laden auch den Magus, den unbekannten, ein,
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Und seinen Gästen bietet der Schlossherr edlen Wein.

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Sie trinken froh und klingen oft an auf gute Fahrt,
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Auf günstges Glück der Messe, so ganz nach Krämer Art.
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Sie plaudern von den Freuden, die Frankfurt immer beut,
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Und schelten schlimm die Zeiten; schlimm schilt man jede Zeit.

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Als sie das Schloss verlassen, zeigt sich in hoher Pracht
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Ein heller Regenbogen auf grauer Wolkennacht.
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»ha seht! Ein gutes Zeichen, das heitre Fahrt verspricht!
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Die Stürme werden schweigen! Gegrüsst, du himmlisch Licht!«

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So rufen die Genossen, drauf Faust die Stimm' erhebt:
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»soll ich den Bogen fassen, der dort auf Bergen schwebt?«
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Ungläubig lächeln Alle, Wahnsinn dünkt sie das Wort,
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Der Zaubrer winkt, und her zieht das Meteor sofort.

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Ausstreckt er seine Rechte, greift in den bunten Glanz;
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Und über Allen prachtvoll wölbt sich der Farbenkranz.
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Da stehn sie stumm und staunend, gefesselt Wort und Blick.
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Und langsam schwebt der Bogen, wo vor er stand, zurück.

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Halb lächelnd drauf blickt Faustus, halb ernst die Männer an,
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Die ehrfurchtvoll wie graunvoll auf den Begleiter sahn.
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Sein Ansehn scheint verwandelt; der so bescheiden schien,
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Steht jetzt gleich einem König, und blickt so stolz und kühn.

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Und spricht: »Sagt, gute Männer, ob, was ich Euch gezeigt,
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Nicht Eurem nichtgen Streben, ob's Eurem Selbst nicht gleicht?
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Ihr fasst mich nicht? Der Schimmer, wie flog er schnell dahin?
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Ich nenn' ihn eitles Glänzen; ihr nennet ihn:

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»wie ich nach jenen Farben, so hascht Ihr nach dem Glück.
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Es eilt Euch schnell zu Handen, und gleich schnell eilt's zurück.
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Gar holden Glanzes naht es, und leuchtet schön, doch wisst
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Dass der Fortuna Schleier ein Irisbogen ist.« –

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Er sprichts und geht von dannen, fort in die Dämmerung;
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Ein Geist, der nicht zu bannen durch Zauberstabes Schwung,
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Ein Geist, der düster mahnend, von verlornen Himmeln sprach,
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Geht mit ihm, wie sein Schatten, geht mit ihm Nacht und Tag.

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Der flüstert jetzt: »Was predigst Du Jenen vom Gewinn,
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Die still und ruhig wandeln bescheidne Pfade hin?
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Indess Du selbst vermessen nach einem Glanz gefasst,
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Darob Du Gott vergessen, Dein Glück gemordet hast!«

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»der Mensch greift in die Zukunft nach buntem Schimmerglück
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Mit Wünschen heisser Sehnsucht, mit manchem Hoffnungsblick.
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Er fasst den Irisbogen, den Zauberfarbenschein;
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Bald ist der Glanz entflogen, nur Thränen – bleiben sein.«

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»wen falscher Schimmer blendet, dem wird des Truglichts Strahl
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Zur Qual die nimmer endet, bis mit der letzten Qual.
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Die Gluth, um die die Mücke mit lautem Flügel spielt,
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Sie wird zum Dolch, der brennend sich in ihr Leben wühlt!«

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»wer kann den Himmel fassen? Wer über Wolken gehn?
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Dort, wo nur reine Geister des Vaters Klarheit sehn? –
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Der Du mit Trug und Täuschung der Menge Sinn verkehrst,
68
Dir wäre besser, wenn Du nie, nie geboren wärst!« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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