XiI. Erde und Meer

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ludwig Bechstein: XiI. Erde und Meer (1830)

1
Des Frühlings warmer Odem weht übers weisse Land,
2
Da lös't sich von den Strömen des starren Eises Band.
3
Da grünen neu die Matten, da knospet Baum und Strauch,
4
Erwachen tausend Schläfer vom lebenvollen Hauch.

5
Doch wie dem Leben immer der Tod zur Seite geht,
6
Und um den Tag der Freude mit dunklem Flügel weht,
7
So zieht auch mit dem Lenze Verderben wild heran,
8
Und rollt in Stromeswellen, und brauset im Orkan.

9
Und kündet Krieg den Hütten, wirft Brücken in den Grund;
10
Verzweiflungsruf thut heulend die Noth, die grosse, kund.
11
Die finstern Wogen rollen, brausend in dunkler Nacht;
12
Des Eises scharfe Schollen sind ihre Heeresmacht.

13
Das Unglück wird zum Schauspiel, und jeder eilt hinaus;
14
Drei Männer stehn von ferne, hinblickend nach dem Graus.
15
»gross ist,« beginnt der Eine: »Natur, Dein hoher Gang,
16
Er heisse Frühlingssäuseln, er heisse Wogendrang!«

17
»ja, Herr!« spricht drauf der Zweite bescheiden: »Wunderbar!
18
Wir nehmen hier den Weltgeist in seinen Werken wahr.
19
Und mehr ergreift's die Seele, wenn wir ihn zürnen sehn,
20
Als wenn von seinem Lächeln die Blümlein auferstehn!«

21
Und düster spricht der Dritte: »Was Euch das Herz bewegt,
22
Das Herz, vom kleinsten Anlass zum Springen aufgeregt,
23
Das geht an mir vorüber, ich sehe nichts erneut;
24
Vor mehr denn tausend Jahren war's eben so, wie heut.«

25
Drauf Faustus zum Begleiter, dem Höhnenden, gewandt:
26
»ist Dir der Dinge Werden vom Anbeginn bekannt,
27
So gieb uns dess Belehrung, wir bitten Dich gar sehr!
28
Wie sind die Berge worden? Wie wurden Land und Meer?«

29
Da zieht Mephisto höhnisch in Falten das Gesicht,
30
Und neigt sich bis zur Erde vorm Frager, eh' er spricht.
31
Wie Wetterleuchten loht es in seiner Augen Stern,
32
Und unwillkommen ist ihm der Wille seines Herrn.

33
»die Welt ist uranfänglich, so was Ihr – ewig heisst,
34
Ein Leib, der unvergänglich, und
35
Die Sonnen, die Planeten, die Stern' am Himmelszelt
36
Das sind zerfallne Glieder des grossen Wesens

37
»einst war das All nur eines, ein schönes dunkles Graun,
38
Nichts Grosses und nichts Kleines, nicht Herr, nicht Knecht zu schaun.
39
Da hat es Wer geschieden, der wies den Sternen Bahn,
40
Und bald war's um den Frieden im ew'gen All gethan.«

41
»auch Feuer, Meer und Erde war mit dem Firmament
42
Ein friederfülltes Ganzes, bis alles sich getrennt,
43
Die Massen sich zerschlugen, Licht mit dem Dunkel rang,
44
Doch Meer und Land vertrugen sich damals noch gar lang.«

45
»bis dass auch sie sich schieden; da sprach das Meer zum Land:
46
Lass scheiden uns im Frieden, wir bleiben doch verwandt.
47
In meinem Schoos getragen hab' ich als Mutter Dich,
48
Doch Deine Berge ragen zu stolz schon über mich.«

49
»wir theilen; nimm die Vögel, nimm, was in Lüften schwimmt!
50
Was sich im Wasser freuet sei fürder mir bestimmt.
51
Dich mögen Greif und Lindwurm und Elephant erfreun;
52
Mein sei die Wasserschlange, der Leviathan mein!«

53
»ich lasse dir die Sträucher, die Bäum' und Blumen all';
54
Lass mir dafür den Kraken, den Behemoth, das Wall.
55
Will mir schon Bäume schaffen, auch Blumen, tief im Schooss
56
An purpurrothem Strauchwerk grünt mein Korallenmoos.«

57
»und lass uns Pfänder tauschen, Erinnrung alter Zeit;
58
Ich will um Inseln rauschen, die bleiben mir geweiht,
59
Du magst mit grünen Ringen von Blumen und Gestein
60
Um manchen See Dich schlingen, er soll Dein eigen sein.«

61
»so sprach das Meer zum Lande, das that nach diesem Wort,
62
Und Ström' und Flüsse sandte zum Meer es grüssend fort.
63
Das Halbtheil der Geschöpfe der Ozean empfing,
64
Indess auf festem Boden die zweite Hälfte ging.«

65
»nun ward der erste Frühling dem armen nackten Land
66
Als eine reiche Buhle vom Himmel zugesandt;
67
Sie kommt daher gezogen mit köstlichem Geschmeid,
68
Und deckt den dunklen Riesen mit ihrem Blumenkleid.«

69
»des Frühlings warmer Odem lässt Blumen auferstehn;
70
Doch mit dem Hauch des Todes das Leben
71
Und was da knospt und blühet, es blüht nur kurze Zeit,
72
Der baldigen Vernichtung ists schon im Keim geweiht.« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.