Ix. Der Famulus

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Ludwig Bechstein: Ix. Der Famulus (1830)

1
Des Winters Stürme tosen wild durch die todte Flur;
2
Im Leichentuche ruhet festschlafend die Natur.
3
Es wirbeln dreh'nde Flocken, Schneeperlen rieseln kraus,
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Wie weisse Schleier wallend um Hain und Hütt' und Haus.

5
Da mag wohl Keiner wandeln auf sturmumbrauster Bahn;
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Da klopft oft bleicher Mangel an reichen Pforten an.
7
O selig, wem mit Mitleid der Herr das Herz begabt,
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Dass er gern Armen aufthut, sie kleidet, wärmt und labt.

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Denn Mitleid ist ein Palmbaum, der in der Wüste steht,
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Ihn hat für arme Wandrer die Huld des Herrn erhöht.
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Ein warmer Quell ist Mitleid, der uns im Herzen fliesst,
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Und seine heilgen Perlen in manches Aug' ergiesst. –

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Im Prachtgemach sitzt Faustus, nicht in der Zelle mehr;
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Das ist von alten Büchern und altem Hausrath leer.
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Voll ist's von schönem Bildwerk, von seltnen Schilderein,
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Rings am Geräthe prangen Gold, Silber, Elfenbein.

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»wie? War nicht längst verstummt hier der heilgen Lieder Klang?
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Horch!
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Die Stimme klingt melodisch; herein, Gesell, herein!«

20
Wie Faustus freundlich öffnet, so steht ein Jüngling dort,
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Von frostbewegter Lippe bebt ihm ein bittend Wort.
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»ein Schüler, Herr, ein armer, fleht ein Viaticum,
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Dess lohn' Euch der Erbarmer, und geb' Euch Glück darum!«

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›tritt ein, setz' Dich zum Feuer, Gesell, tritt immer ein;
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Das Feuer wärmt die Hand Dir, das Herz erwärmt der Wein.
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Dann sprich, von wo Du herkommst zu solch unholder Zeit?
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Ich bin, vermags ich irgend, zur Hülfe Dir bereit!‹

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»euch segnen, Herr die Götter, die hohen, allzumal!
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So reicht die Hand ein Retter mir nach so bittrer Qual!
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Ich will Euch treu berichten von mir mit wahrem Mund,
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Sind trüb' auch die Geschichten, und brennen's Herz mir wund!«

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›gut sprichst Du, Jüngling! Lüge wohnt Dir nicht im Gemüth,
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Das künden Deine Züge, die klar mein Auge sieht.
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Mich täuschet Keiner; nenne mir nun den Heimathort,
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Und Vater, Mutter, Namen, das künde mir sofort.‹

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»vom Vater – lasst mich schweigen!« spricht er mit trübem Ton:
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»mir lebt nur der im Himmel; ich bin – ein Priestersohn.
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Die Mutter – starb; mir drohte des Klosters harter Zwang,
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Ich – sehnte mich nach Freiheit, ich trug's nicht – ich entsprang.«

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Und Wasserburg die Heimat, am Inn im Bayerland.
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Ich weiss Latein und Griechisch; bin fleissig, diente gern,
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Noch mehr mich auszubilden, bei solch gelahrtem Herrn.«

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›was
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Doch brauch' ich einen Diener, dem
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Ja, könnt' ich Tiefgeheimes, Gesell, Dir anvertrauen,
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Und wärst Du muthgen Herzens, und frei von kindschem Grauen –?! –‹

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»nicht besser schweigt der Todte sechs Fuss tief unterm Stein,
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Als ich Euch fest gelobe, verschwiegen, treu zu sein!
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Und wären jene Mähren, die von Euch umgehn, wahr, –
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Ich bin nicht bang vor Geistern, sie krümmen mir kein Haar.« –

51
Da rollt ein dumpfer Donner durchs Haus, die Wand erbebt,
52
Und still in grauer Kutte der Mönch durchs Zimmer schwebt,
53
Und schwindet durch die Mauer – der Jüngling aber stand
54
Und blickte ruhig seitwärts, hin, wo der Geist verschwand.

55
»du zitterst nicht!!« verwundert und freudig ruft es Faust:
56
»hat mir beim Erstenmal doch fast mehr, wie Dir, gegraust!
57
Wohlan, trägst Du Belieben, mein Famulus zu sein,

58
›verschwiegen, redlich, furchtlos, ein Tugendkleeblatt traun!
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Vierblättrig aber sollt Ihr's an Eurem Diener schaun.
60
Dann bringt es Glück; ja, glaubet, dass Euer Wagner sei:

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Meister und Schüler kosen von Kräften der Natur.
62
Ein Armer war gekommen hülflos an diesen Ort;
63
Ein Zauberlehrling lauscht schon auf seines Meisters Wort. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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