10. An die Deutschen!

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Christoph August Tiedge: 10. An die Deutschen! (1796)

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Hört, welch ein Ruf! der mit dem Lerchenschlage
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Fern her die blaue Frühlingsluft erfüllt,
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Und im Gemüt der nachtverhüllten Klage
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Den Lichtblick neuer Hoffnungen enthüllt!
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Verkündet er den festlichsten der Tage,
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Den Richttag Gottes, der die Zeit erfüllt?
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Es tönet, wie mit langverhaltnem Grimme;
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Vom Donaustrom herüber schallt die Stimme.

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Da spiegelt sich das neue Morgenrot.
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Auf, deutsche Söhne, wagt, euch zu erheben!
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Unwillig braust der Rhein durch seine Reben,
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Löst ihn und euch vom fremden Machtgebot.
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Der Sklave lebt nur halb, und halbes Leben,
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Nichts weiter ist's, als ein gefühlter Tod.
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O, richtet euch mit frischem Herzensschlage
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Empor zum großen Auferstehungstage!

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Nur Wollen gilt's; im Wollen ruht die Kraft,
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Nur Wollen gilt's, um Felsen zu zersplittern;
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Und deutsche Fürsten sollten in der Haft
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Der Kettenschmach vor einem Gaukler zittern? –
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Brecht stürmend auf, gleich brausenden Gewittern!
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Versöhnt den Geist der alten Heldenschaft,
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Und reicht von Süd und Nord euch treu die Hände,
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Daß keine Schmach das Heiligste mehr schände!

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Nur Wollen gilt's! da seht! die Lügenbrut,
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Ob sie auch prunkend Sieg auf Sieg entführte,
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Bekennt durch sich, daß ihr kein Sieg gebührte.
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Der Geist der Wahrheit sei mit eurem Mut,
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Den ungebeugt die Knechtschaft nicht berührte.
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Am Schrei der Not entzündet eure Glut!
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Vernehmt, Geborene von deutschen Müttern,
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Vernehmt den Ruf, um euch empor zu schüttern!

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Seht die Gestalt, mit Fesseln an der Hand,
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Da liegend, wie ein Opfertier gebunden,
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Aus dem schon halb das Leben weggeschwunden:
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Das ist, entsetzt euch! euer Vaterland!
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Und welch ein Vampir saugt an seinen Wunden?
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Das ist der Friede, der das Opfer band.
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So ganz ist er zur Höllenkunst geworden,
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Die halb erwürgt, um länger zu ermorden.

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Brecht rüstig auf, und fraget nicht das Glück!
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Euch führen Helden, stärkt euch durch Vertrauen!
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Laßt hinter euch das alte Mißgeschick!
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Wie Wasserfluten brauset durch die Auen!
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Glaubt an euch selbst, und reißet aus den Klauen
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Des Galliers das Vaterland zurück.
47
Nur Wollen gilt's, um kräftig aufzustehen:
48
Ein Volk, das steh'n will, kann nicht untergehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph August Tiedge
(17521841)

* 14.12.1752 in Gardelegen, † 08.03.1841 in Dresden

männlich, geb. Tiedge

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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