Meine Früchte sind gebrochen

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Christoph August Tiedge: Meine Früchte sind gebrochen Titel entspricht 1. Vers(1796)

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Meine Früchte sind gebrochen,
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Meine Rosen sind gepflückt,
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Und das letzte, frohe Pochen
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Dieses Herzens ist erstickt;
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Dieses Herzens, das so innig
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Seine Lieb' um alles schlang,
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Seinen Haß so gern versang,
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Nur vielleicht zu eigensinnig
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Gegen Sturm und Fluten rang.

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Was, o Herz, hast du errungen?
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Wo ist dein gelobtes Land?
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Deine schönsten Huldigungen
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Nahm die Hoffnung an – und schwand.
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Nun ist dieser Mut geschieden,
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Der so stolz die Flügel schlug,
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Und auf seinem Adlerflug
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Meine Seel' und ihren Frieden
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Mitten durch die Stürme trug.

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Dich nur kenn' ich noch, o Freude,
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Die du dem Geräusch entweichst,
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Und zur dunkeln Thränenweide
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Gern mit deiner Wehmut schleichst.
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Dort umwankt mich noch ein Schimmer,
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Wie ein Geist aus toter Welt,
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Der sich still zu mir gesellt,
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Und im Dunkellicht die Trümmer
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Der Vergangenheit erhellt.

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Alles ist vorüberfliehend.
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Weinend reißt sich aus dem Schoß
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Eines Lebens, das so blühend
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Sie umfing, die Seele los.
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Unter frommen Nachtigallen
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Ist mein schönster Traum verhallt;
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Wachend seh' ich jetzt: der Wald
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Wird, wenn seine Blätter fallen,
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Heller wird er, aber kalt.

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Über Gegendruck und Mängel
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Flog ich hin, mit Lust und Scherz;
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Alle Menschen waren Engel,
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Alle lud ich in mein Herz.
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Alles, alles fühlt' ich leiser,
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Was das Leben niederdrückt,
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Leicht befriedigt, leicht entzückt:
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Jetzt bin ich ein wenig weiser
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Und viel weniger beglückt.

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Junge, heitre Wünsche traten
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Hin vor meine Phantasie,
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Die für alles, was sie baten,
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Ihnen Zuversicht verlieh;
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Furchtlos, irgendwo zu stranden,
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Schifften sie den Strom der Zeit,
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Unter scherzendem Geleit,
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Rasch und fröhlich hin, und fanden
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Nicht das Land der Seligkeit.

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Doch war schön die Zeit der Blüte,
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Schön die Thyrsusschwingerin;
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Hold, wie lauter Lieb' und Güte,
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Froh, wie lauter Lebenssinn,
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Warf sie freundlich auf den Reigen
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Meiner Stunden ihren Kranz;
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Angethan mit ihrem Glanz,
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Hielten unter Rosenzweigen
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Glaub' und Hoffnung ihren Tanz.

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Glaub' und Hoffnung, immer leiser
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Schlichen sie von mir sich fort;
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Meine schönsten Lebensreiser
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Sind von mir hinweg gedorrt.
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Und die Welt? – ach! die Geschichte
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Ist der Wiederhall der Zeit,
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Die sich mit sich selbst entzweit.
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Komm', mein Herz, o komm' und flüchte
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In den Schoß der Einsamkeit.

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Wird die Welt uns noch vermissen,
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Wenn in ihr uns nichts genügt?
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Wenn der Fremdling, abgerissen,
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Wie ein dürrer Zweig da liegt? –
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O, dann muß er scheiden lernen!
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Hier ist nicht das Land der Ruh!
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Armer Pilger, steure du,
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Unter ausgelöschten Sternen,
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Tröstender Entsagung zu.

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Kein verzagendes Gewinsel
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Zögre deinen raschen Lauf;
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Eine stille Friedensinsel
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Nimmt dich endlich schirmend auf.
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Doch, ihr fernen Huldgestalten,
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Ihr verlaßt den Fremdling nicht;
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Ihr seid ihm ein stilles Licht,
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Wenn die finstern Stürme walten,
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Und das morsche Fahrzeug bricht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph August Tiedge
(17521841)

* 14.12.1752 in Gardelegen, † 08.03.1841 in Dresden

männlich, geb. Tiedge

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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