5. Der Flausrock

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Johann Heinrich Voß: 5. Der Flausrock (1790)

1
Ein Regensturm mit Schnee und Schloßen
2
Zog düster über Land und Meer,
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Daß traufengleich die Dächer gossen;
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Die Küh' im Felde brüllten sehr.
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Frau Käthe, die zwar niemals zanket,
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Sprach hastig: Geh doch, lieber Mann,
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Geh hin, eh' Bläßchen uns erkranket,
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Und zieh' den alten Flausrock an.

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Die beste Kuh ist unser Bläßchen;
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Und höre, wie sie kläglich brüllt!
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Sie hat uns schon manch liebes Fäßchen
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Mit Milch und Butter angefüllt.
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Entsetzlich tobt des Sturms Gesause!
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Geh hin, mein lieber guter Mann,
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Und hole Bläßchen mir zu Hause,
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Und zieh' den alten Flausrock an. –

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»mein Flausrock dient' in Sturm und Regen,
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So lang' er neu und wollig war.
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Doch jetzo hält er schwerlich gegen;
20
Ich trag' ihn schon an dreißig Jahr.
21
Frau, laß uns nicht so nährig geizen.
22
Wer weiß, wie bald man sterben kann!
23
Bedenk, für Eine Tonne Weizen
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Schafft sich ein neuer Flausrock an.« –

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Für so viel Weizen trug zur Feier
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Der Herzog Ulrich seinen Rock,
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Und murrte doch, er sei zu teuer,
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Und schalt den Schneider einen Bock.
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Der fromme Herr war Fürst im Lande,
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Und du bist ein gemeiner Mann.
31
Der Hochmut führt in Sünd und Schande!
32
Drum zieh' den alten Flausrock an. –

33
»nicht prunken will ich, liebes Käthchen,
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Nur warm durch Sturm und Regen gehn.
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Schon zählen läßt sich jedes Drähtchen,
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Ja Fäserchen und Fetzen wehn.
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Sieh' Roberts, Wilms und Bartels Kleider;
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Wann gehen die so lumpicht, wann?
39
Doch Werkeltag und Sonntag leider
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Zieh' ich den alten Flausrock an!« –

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Der Flausrock, däucht mir, ist noch billig;
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Ich hab' ihn gestern erst geflickt.
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Du weißt, wie sorgsam ich und willig
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Dich stets gepfleget und geschmückt.
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Du findest hier ein warmes Stübchen,
46
Und eine warme Suppe dann.
47
So geh' denn hin, mein wackres Bübchen,
48
Und zieh' den alten Flausrock an. –

49
»ein jedes Land hat seine Weise,
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Und seine Hüls' ein jedes Korn.
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Die Wirtschaft, Frau, kömmt aus dem Gleise,
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Verliert der Mann erst Zaum und Sporn!
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In Sturm und Regen übernachte
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Das Bläßchen, wo es will und kann!
55
Denn nimmer, ob sie auch verschmachte,
56
Zieh' ich den alten Flausrock an!« –

57
Mein Herzensmann, seit dreißig Jahren
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Hab' ich in Fried' und Einigkeit
59
Mit dir viel Freud' und Leid erfahren,
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Und dich mit manchem Kind' erfreut.
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Zum Segen zog ich alle sieben
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Mit Wachen und Gebet heran.
63
Nun, Männchen, laß dich immer lieben,
64
Und zieh' den alten Flausrock an. –

65
Frau Käthe, die zwar niemals zanket,
66
Mag gern des Wortes sich erfreun;
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Auch wird's mit Ruhe mir verdanket,
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Laß' ich nur fünf gerade sein.
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Stillschweigend stand ich auf vom Sitze,
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Ein wohlgezogner Ehemann,
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Verschob aufs eine Ohr die Mütze,
72
Und zog den alten Flausrock an.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Heinrich Voß
(17511826)

* 20.02.1751 in Sommerstorf, † 29.03.1826 in Heidelberg

männlich, geb. Voss

deutscher Dichter und Übersetzer von Klassikern

(Aus: Wikidata.org)

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