Ein Ende vor dem Anfang

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Hermann Conradi: Ein Ende vor dem Anfang (1876)

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Ganz leise erst, noch in den zartsten Fäden,
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Spann sich ein Band von dir zu mir herüber ...
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Oh! Voll war ich des köstlichsten Erwartens,
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Und süße Hoffnung hat mich oft berauscht.
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Ich liebte dich vielleicht noch nicht ... Und doch –
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Ich wußte es: die Stunde, ja, sie käme,
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Wo ich dich sanft in meine Arme nähme,
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Dich an mich zöge, küßte ... und tief atmend
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Du dich auch mir zu eigen geben würdest ...

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Ich lebte dieser Stunde still entgegen
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Und zehrte scheu von ihrer Freude Segen ...
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Und nun kam's doch noch anders. Zaghaft fast
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Stand auf ein müder, milder Wind ... und langsam,
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Wie spielend, wie in harmlos neck'schem Zufall,
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Hat er die weichen Flocken des Gewebes,
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Das zart von dir zu mir sich angesponnen,
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Zertändelt ... Sieh, mein liebes Kind, nun flattern
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Die kleinen, losen Maschen wie verwaiste,
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Verlorne Seelchen durch die stummen Lüfte ...
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Und drüben nun stehst du, ich stehe hüben –
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Und traurig sehn wir unser Glück zerstieben ...

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Ich liebte dich vielleicht noch nicht ... Vielleicht
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Lieb' ich dich jetzt noch nicht ... vielleicht nicht mehr ...
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Nein! Aus dem Wege gehen wir uns nicht.
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Ja! Wir begegnen uns noch ziemlich oft ...
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Und unsre Augen suchen sich und bleiben
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Auf einen ... Augenblick in tiefem Anschau'n,
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Nicht scheu, nicht schüchtern und wohl vorwurfslos ...
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Und nur wie Neugier, wie ganz zarte Neugier
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Liegt es in unserm Blick ... dann gehen wir
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Vorüber aneinander stumm und still ...

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Ich weiß: wir werden uns nicht wiederfinden –
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Und auseinander weiter, immer weiter
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Wird uns das Leben unsre Wege führen ...
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Nur manchmal zittert leis die Frage auf,
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Das scheue Kind verschwiegner Stunden: wenn
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Nun dieses Wissen dennoch trügrisch wäre?
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So trügrisch wie das erste? Würd' ich säumen,
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Da sich zum andern Mal das Glück mir böte,
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Es zu ergreifen und es festzuhalten? ...

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Es folgt der Nacht die junge Morgenröte –
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Doch meinem Leben blühet noch das Licht,
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Doch meinem Leben blühet noch der Tag
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Und seines Schaffens ungemess'ne Freude ...
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Noch darf ich meine Kraft im Kampf vergeuden,
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Noch habe ich ein Recht auf rote Wunden,
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Noch schiert's mich nicht: Ob träge Abseitsruh',
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Ein Opfer der alltäglichsten Geschichten,
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Im ersten besten Winkel ich gefunden,
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Noch darf ich kühn auf »stilles Glück« verzichten!
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Es zu ergreifen – ja! ich würde säumen –
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Und dann auch: selbst, wär' ich zu feig dazu:
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Nein! Nein! Ich halt' nicht viel von reparierten Träumen ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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