Der verlorene Sohn

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Hermann Conradi: Der verlorene Sohn (1876)

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Mein Mütterlein, zu dieser Stund',
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Zu dieser Stund' in tiefer Nacht
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Bist du aus leisem, kurzem Schlaf
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Wohl jählings, jählings aufgewacht!
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Du fährst empor und starrst und horchst;
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Und eine bange Ahnung schwirrt
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Dir durch die angstumschnürte Brust:
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Daß ruhelos dein Kind noch irrt ...

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Noch irrt auf fernem, fremden Pfad,
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Noch irrt in später, schwarzer Nacht –
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Du aber weißt nicht seine Spur,
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Weißt nicht, was es so ruhlos macht ...
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Weißt nur, daß es aus dieser Not
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Die Mutterliebe einzig risse,
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Und möchtest wohl es suchen gehn
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Durch schwarze, schwarze Finsternisse ...

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Mein Mütterlein, dein armes Kind,
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Es sucht dich nicht in seinen Aengsten,
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Es taumelt durch die Nebelnacht,
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Geschleift von seines Dämons Hengsten.
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Hei! Wie es brennt in seiner Brust!
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Wie schnürt's die Kehle ihm zusammen!
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O Mutter, deine milde Hand
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Beschwor mir nicht die Wahnsinnsflammen.

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Mein Mütterlein, laß ab, laß ab!
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Das du in Schmerzen einst geboren,
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Dein Kind, du hast es einmal doch
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An diesem Tage – ach, verloren!
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Es fragt nichts mehr nach deiner Lust –
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Es fragt nichts mehr nach deinem Kummer,
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An seiner Leidenschaft Brust
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Erwürgt es deiner Nächte Schlummer ...

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Mein Mütterlein, wenn's dich verzehrt,
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Daß du dein Kind hast lassen müssen,
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Dann ruh dich auf der Bahre aus
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Von deines Lebens Kümmernissen ...
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Dann schließ die müden Augen zu,
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Die oft um mich in Tränen lagen –
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Dann laß zur allerletzten Ruh'
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Dich heimlich auf den Kirchhof tragen ...

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Vielleicht bin ich des Wanderns müd,
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Und ist die Unrast all' verlodert –
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Vielleicht, daß dann mein Schicksal mich
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Dort rasten läßt, wo du vermodert ...
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Dann sind wir beide ganz allein,
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Und unsre Liebe darf nicht säumen – –
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Dann will ich meines Lebens Traum
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Mit dir noch einmal still durchträumen.

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Dann will ich alles dir gestehn –
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Wie Schuld auf Schuld sich lud, dir sagen –
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Dann will ich mit dir heimwärts gehn
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Zu meines Lebens ersten Tagen ...
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Mein totes Mütterlein, dann gibt
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Es nichts, was dir verborgen bliebe –
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Dann weißt du, wie ich dich geliebt
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Und doch verraten deine Liebe!

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Dann weißt du, wie es plötzlich mich
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Mit heißem Atem angepfiffen –
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Wie es in meine Seele schlug,
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Das Feuer, dampfend, unbegriffen –
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Wie es versengend mich gepackt,
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Mich weggespült von deinem Herzen:
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Ich schoß, ein Glutenkatarakt,
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Ins Tal der Wonnen und der Schmerzen.

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Mein Leben troff von Duft einmal –
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Vom Duft der Rosen und Narzissen ...
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Mein Denken war ein Morgenstrahl,
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Entbrochen schwarzen Finsternissen –
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Ich lebte! O mein Mütterlein –
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Und riß, umsprüht von Freudenfunken,
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Die Sphären an mein Bruderherz,
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Von Weltenmelodien trunken ...

73
An
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Und all mein Denken ist verpestet – –
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So irr' ich ruhlos durch die Welt,
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Ein Narr, verzweiflungsqualgemästet ...
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Nicht grünt mein müder Wanderstab
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Ein zweites Mal zur Sündensühne –
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Kein Gott nimmt meine Reue ab
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Und hebt von mir der Schuld Lawine.

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Aus weißem Kelch den gelben Wein
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Goß ich ins rote Blut der Wunden – –
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Nur einmal wollt' ich stille sein,
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Nur einmal von der Schmach gesunden!
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Die aber preßt mich fest und läßt
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Mich nicht aus ihren erznen Krallen –
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Von Blut und Kot und Schweiß genäßt,
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Schleif' ich durchs Leben, fluchverfallen ... –

89
Ja, Mutter, stirb! Und bist du tot,
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Dann wollen wir, ein seltsam Pärchen,
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Vom Abend- bis zum Morgenrot
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Eins plaudern von dem tollen Märchen,
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Dem mich das Schicksal auserwählt,
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Mich brav – recht brav drin auszuleben –
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Und hab' ich's dir dann auserzählt,
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Hast du auch schweigend mir vergeben ...

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Dann reck' ich hoch mein Haupt empor –
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Und bei des Tages ersten Grüßen
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Schmeiß' ich den eklen Erdenstaub
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Von meinen wandermüden Füßen ...
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Es fliegt der Filz ins feuchte Gras,
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Ich rüste mich zum letzten Traume –
103
Zerbreche meinen Knotenstock
104
Und häng' mich auf am nächsten Baume ... –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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