Auch ich – auch ich, in unseligem Drang

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Hermann Conradi: Auch ich – auch ich, in unseligem Drang Titel entspricht 1. Vers(1876)

1
Auch ich – auch ich, in unseligem Drang,
2
Hab' mit zuckenden Fingern, so lang, so lang,
3
Von verzehrendem Fieber zerspalten,
4
Gehascht nach des Ruhmes Lorbeergezweig,
5
Mit fliegendem Atem, ringerbleich,
6
Eine üppige Krone zu halten!

7
Auch ich entrafft' mich dem heimischen Herd –
8
Was hat mich die Träne der Mutter geschert,
9
Was Marias geschluchzte Klagen? –
10
Es trieb mich so wild, so stürmisch hinaus
11
Auf des Lebens weißschäumigen Wogenbraus,
12
Den strahlenden Ruhm zu erjagen.

13
Wie ward's mir so schwül im umzäunten Kreis –
14
Nach Atem rang ich – aus altem Geleis
15
Zog's mich in phantastischem Wahne!
16
Die Mutter hat mich gesegnet beim Zieh'n
17
Und gab mir zum Abschied den Flammenrubin
18
Zum schirmenden Talismane.

19
Ich spannte mir Flügel zum Dädalusflug –
20
Nicht war mir
21
Ich lechzte nach üpp'gem Gewinde ...
22
Da brachten mir die Töchter der Lust
23
Mit lachendem Auge, mit lockender Brust
24
Die süße, die lustige Sünde.

25
Und ich trank und ich trank und ließ die Spur,
26
Und mit heldengroßer Siegerbravour
27
Bracht' ich die Komödie in Stanzen ...
28
Da nahten sie alle – beäugelten links,
29
Beäugelten rechts die schnurrige Sphinx
30
Und kamen mir einen Ganzen.

31
Holla hoch! Das war ein lustiges Fest –
32
Der Morgen ward mir weidlich durchnäßt,
33
Und die Stirne schwamm in Wonne:
34
Sie trug ja nun glänzende Lorbeerzier,
35
Und sie trug sie mit Würde, nicht bloß zum Pläsier –
36
Stolz leuchtete meine Sonne.

37
Da kam auch für mich der Damaskustag –
38
Die Binde fiel, und die brennende Schmach
39
Schlug zischend mir in die Seele ...
40
O du Wahn! O du Wahn der Unsterblichkeit,
41
Wenn ein wetterwendisch Gesindel schreit
42
In hochwillkommnem Krakehle:

43
»der Kerl – bei Gott! – ist ein Pionier –
44
Prophet – Messias – ein Wundertier –
45
Er schreibt brillante Sachen!
46
Gedankentief und doch populär
47
Und so bilderreich! Und so schneidig wie er
48
Kann keiner Verse machen!

49
Wie wär's drum, wir dächten beizeiten schon
50
An ein Säulchen, ein Denkmal – die Nation! –
51
Nur hurtig: die Sammelliste:
52
Wer unterschreibt? »Na ich!« »Und auch ich!«
53
(der eine: »Rein fiel ich!« bei sich –
54
Der andere: »Wenn man nur nicht

55
Da dankt' ich dir, Krämerbrut, für das Mal,
56
Und ich ließ den rauschenden Huldigungssaal. –
57
Entweiche wahnwitz'ge Verblendung!
58
»
59
Und dreimal Schmach, wer ihn begehrt
60
Für seine göttliche Sendung!«

61
Ich rief's und schritt in die Nacht hinein,
62
Und beim ersten, blassen Frührotschein
63
Ist mir ein Wandrer begegnet ...
64
Der sprach: »Glückselig bist du, Poet,
65
Dein
66
Ein getrösteter Armer dich segnet!« ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.