2.

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Hermann Conradi: 2. (1876)

1
Wie bist du plötzlich über mich gekommen,
2
Du Zug der Sehnsucht, der mich mächtig packt?
3
Ich war so lustig mit dem Strom geschwommen
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Und ward so zahm, voll Höflichkeit und Takt!

5
Weit hinter mir lag all mein unstet Brausen,
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Der »gute Ton« ward mir Respektsmoment ...
7
Ich fügte mich und machte keine Flausen
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Und ward – »vernünftig«, wie man das so nennt ...

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Ich saß mit Hinz und Kunz an einem Tische
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Und der Beschränktheit reichte ich die Hand ...
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Und ruhte nicht, bis ich auf einem Wische
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Verbürgt, verbrieft mein – Lob der Narrheit fand.

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Da hatten sie es sauber hingeschrieben,
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Auf Pergament, verbrämt voll Phantasie:
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Ich wär' auf rechten Wegen stets geblieben
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Und hätte ebenso gedacht wie sie ...

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Und hätte ebenso wie sie gelogen –
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War's auch ein wenig anders ausgedrückt –
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Und hätte ebenso wie sie betrogen,
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Wär' ebenso wie sie herumgekrückt ...

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(natürlich gab's auch hierfür andre Worte,
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Doch war der Sinn derselbe, denk' ich, wohl! ...)
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Und unterweil verschrumpft' ich und verdorrte,
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Und die

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So ging auch heute mir der Tag zu Ende,
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In blödem Einerlei vertan, verbracht ...
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Da lodert's plötzlich auf wie Feuerbrände
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In meiner Brust in stiller Mitternacht! ...

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Da plötzlich schäumt es auf wie Katarakte –
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Es schreit der Sturm und peitscht mein totes Blut –
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Und vor mir steht die Wirklichkeit, die nackte:

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Was ich verhöhnt, verlacht, mit Recht verachtet
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Dereinst, als jung mein Herz und lauter noch:
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Ich hab' es jahrelang voll Fleiß ertrachtet
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Und manchmal war's, daß ich zu Kreuze kroch!

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Und manchmal war's, daß ich den Geist geschunden,
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Daß er wie auf der Marterbank gestöhnt –
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Da lag er, überdeckt von tausend Wunden,
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Der arme Kerl, vom Pöbel strohgekrönt! ...

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Und endlich dann – dann hatt' ich ihn bezwungen
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Und ihn geknechtet mit Verräterhand –
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Das Kunststück war mir ganz famos gelungen:
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Daß schließlich alles ich – »natürlich« fand! ...

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Und nun! Und nun! O feueräugig Wunder,
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Das sich herausgebar aus nächt'gem Schoß!
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Vor mir zerstäubt der taube, tote Plunder

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Ich find' sie wieder, all die alten Pfade,
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Ein überirdisch Licht beflammt die Spur –
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Durch eines
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Kehr' ich zurück zur Wahrheit und Natur!

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Ich kehr' zum Leben und zu seinen Quellen,
52
Sein wahres Wesen gibt sich heiter kund,
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Vor meinem Blick will sich das Tiefste hellen
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Und offen liegt mir aller Dinge Grund ...

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In mächt'gen Wogen rollt in Herz und Hirn mir
56
Die Kraft zurück,
57
Der Muskel knollt, graniten wird die Stirn mir:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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