Es liegt die Welt in Sünden

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Hermann Conradi: Es liegt die Welt in Sünden (1876)

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Es liegt die Welt in Sünden,
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Das Heiligste ist feil –
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Aufreckt sich wie der schwarze Tod
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Das Laster wollustgeil!
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Es werfen seine Flammen
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Den Brand in jede Brust –
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Im Triumphatorwagen rauscht
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Durch aller Welt die Lust!

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Und keiner hebt die Keule,
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Zu morden das Pestgezücht!
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Und keiner schreit nach andrem Heil
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Und bangt vor dem Gericht!
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In wilden Wollustschauern
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Liegen wir staubbesät –
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Und stammeln an schwellender Dirnenbrust
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An die Venus ein Gebet:

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»o große Mutter, nähre
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Dein liebelechzend Kind!
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Schling auch um mich dein Diadem,
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Deine Rosen, dein Traubengewind!
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Sieh! Meine verschmachteten Lippen
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Dürsten nach heißem Genuß –
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O große Mutter, vergiß mich nicht –
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Laß trinken mich deinen Kuß!

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Laß, bis ich selig versunken
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In Träume, märchenumkost,
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Hinfluten über das dürre Gefild
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Meiner Seele deinen Trost!
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Nicht mag ich kargen und dulden,
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Wie ein Schächer nach Brocken gehn –
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Es soll für meine verzehrende Brunst
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Ein Paradies erstehn!

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Wir haben vom Kreuze gerissen
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Des Heilands zermartert Gebein!
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Wir warfen von uns das Pilgerkleid –
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Wir ließen den Wüstenstein!
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Was frommt uns bleiches Entsagen?
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Was frommt uns Dornengerank?
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Wir schlürfen den Kelch hintaumelnder Lust
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In seligem Ueberschwang!«

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O sagt, ihr müden Lippen,
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Kennt ihr kein andres Wort?
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Ist in der Seele tiefstem Grund
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Der Bronnen denn verdorrt,
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Daraus in lichten Strömen
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Das Leben sich verjüngt?
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Schreit ihr zur Aphrodite nur –
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Zur Dirne, frech geschminkt?

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Zur Dirne, der im Herzen
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Nur Lug brennt und Verrat?
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Die mit geschmeid'ger Buhlerkunst
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Erstickt die freie
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Schreit ihr nach Wein und Rosen?
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Nach üpp'gem Bacchusgelag?
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Nach sternendunkler, schwüler Nacht
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Und flucht dem goldnen Tag? ...

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Ihr Narr'n! Es naht die Stunde,
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Da wieder am Kreuze einmal
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Bluttriefend ein
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Im Herzen Prometheus-Qual!
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Auch
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Dieweil sein Zorn geflammt –
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Dieweil er die sündenverstrickte Brut
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In heißem Groll verdammt!

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Sein Mund sprach nicht von Liebe,
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Sein Wort sprang wie ein Pfeil
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Von klirrender Bogensehne springt,
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Und traf, die sündengeil
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In üppigem Wollustreigen
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Das Leben verträumt und verspielt –
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Sein Herz – das wußte Vergebung nicht:
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Es hat nur die

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Die Schmach, daß ihr verraten,
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Den gottgebornen Geist!
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Daß ihr in wilder Bestiengier
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Das Gold, das glänzt und gleißt,
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Dran tausend Flüche kleben,
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Das tausend Tränen genetzt,
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Ein sündenverloren, entartet Geschlecht,
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Zu eurem

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Auch ihm, dem Bußekünder,
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Verrenkt ihr das Gebein –
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Doch wenn sein starres Auge bricht,
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Bricht auf der Erde Gestein –
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Aufbrausen die Meere im Sturme,
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Es bebt der Berge Granit,
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Und durch die ganze Schöpfung wogt
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Ein einz'ges Sterbelied!

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Da wird sie über euch kommen,
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Die Angst, die Rächerin!
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Und mit verglasten Augen starrt
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Ihr zu dem Galgen hin!
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Hernieder steigt vom Kreuze
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Der Gott im Glorienkleid
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Und spricht: Du bist verflucht, o Welt,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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