Anna

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Hermann Conradi: Anna (1876)

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Es ist wohl meine ganz »verfluchte Pflicht
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Und Schuldigkeit«, geliebtes Mädchen, dir
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In diesem meinem ersten Liederbuche
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Auch schließlich ein paar Zeilen zu verehren ...
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Ich halte mir zwar jetzt aus Prinzip
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Zehn Schritt vom Leibe alles, was nach »Liebe«
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Nur im Geringsten schmecken, riechen mag ...
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Denn siehe! Ich begriff: Die »Liebe« ist
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Zuweilen zwar ein wunderköstlich Ding
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Und mit dem Herrgott ziemlich nah verwandt ...
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Doch ist sie auch hinwiederum recht launisch,
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Und Kummer und Bedrängnis, Störung, Aerger,
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Gießt sie in breiten Strömen schnippisch aus ...

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Dafür muß ich doch danken ... Denn ich bin
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Mit allen Fibern meiner Dichterseele
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Seit kurzem ein getreuer »Sohn der Zeit« ...
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Und diese Zeit – man nennt sie auch »modern« –
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Sie hat wahrhaftig keine Zeit mehr übrig
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Für solch Allotria, wie eben Liebe.

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Da aber andrerseits dies arme Büchlein
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Sich lobesam bestrebt, von meinem Leben
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Ein ziemlich treues Konterfei zu geben,
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Darf ich auch dich, dereinst geliebtes Mädchen,
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Wahrhaftig nicht vergessen – holder Liebling
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Du meiner schwärmerischen Knabenseele!

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Wie lang ist's her doch, daß mein junges Herz
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So ganz für dich schlug und für deine Schönheit! ...
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Dein blondes Haar – dein Auge blau – nicht wahr? –
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Der zarte Teint – dein leiskokettes Wesen:
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Sie brachten mich nur zu bald an die Angel ...
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Mein Gott! Das ist zwar ganz natürlich, ja! –
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Und doch kommt's heute mir urkomisch vor,
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Obwohl ich mir ganz ernstlich eingedrillt,
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Kühl bis ans Herz hinan ein jedes Ding
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In echt exakt historischer Betrachtung,
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Ganz
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Einfach aus seinen Gründen zu begreifen ...

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Das legt dem Aerger – dieser Modus nämlich –
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(man kann für »Modus« auch »Methode« sagen)
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Ganz hagebüchen Zaum und Zügel an
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Und spielt sich auf als äußerst netter Dämpfer,
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Der jedem heißen Blute zu empfehlen ...

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Ich schweifte ab und bitte um Verzeihung!
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Nun denn – was wollt' ich sagen? Ja, jetzt weiß ich! –
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Es will mich nämlich heute noch sehr schnurrig
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Bedünken, daß ich dereinst geliebt,
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Glanzstern du meiner Sekundanertage – –
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Und auch in Prima war's noch nicht ganz richtig ...

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Ja! Das ist lange her – und unterweilen
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Ging ich beim Leben selber in die Schule ...
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Willst du ausführlicher darüber hören –
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Ich sag' es halb und halb in Parenthese –
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Dann bitte blättre mit den schlanken Fingern,
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Den weißen Fingern mit den Rosennägeln,
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Dies Heft nach vorn und rückwärts durch – du wirst
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Schon manch gepfeffertes Kapitel finden,
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So manch Geständnis tragikom'scher Sünden,
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Die dir vielleicht ein bißchen von Interesse –
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Sind sie auch manchmal nicht Delikatesse ...

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Denn, Anna, oft tickt's mich unwiderstehlich,
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Mit offenem Wort, urwüchsigen Gebärden
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Herauszusagen, was ein andrer erst
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Zehnmal verklausuliert und elfmal einpackt
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In dichtgesponnene Lügen-Emballagen.

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Doch halt! Ich bin von neuem abgekommen,
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Und die Geschichte wird nun ganz verschwommen ...

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Fatal! Wie wird der Rezensentenschwarm
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Sich auf mich stürzen – mein Gelenk umklammernd,
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Schreit er mir zu: du mußt viel klarer sein,
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Denn daraus findet sich ja kaum ein Schw ...
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Geschweige denn ein Mensch – je nun – er hat
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So unrecht nicht! ... Daß er mir huldvoll bliebe,
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Bericht' ich nun von diesem Augenblick
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Ganz »sachgemäß« von meiner Jugendliebe,
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Von meinem übersonnten Jugendglück! ...

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Ich war ein Kind von zirka siebzehn Jahren –
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Doch eigentlich recht alt schon, find' ich heute –
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Als ich mich in dein Lärvchen flugs vergafft ...
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Mit reichlich respektabler Leidenschaft.

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Ich wußte meinem Leibe keinen Rat,
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Und Tag und Nacht sann ich auf eine Tat,
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Wie ich von meiner heißen Herzensneigung
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Zu Sinn dir brächte ernste Ueberzeugung ...

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Da fügte es der Zufall, daß wir beide
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Uns eines Tages in den Bergen trafen ...

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Ach ja! Im Harz war's – in den Hundstagsferien.

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Zwei heiterernste Schulbankkameraden,
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Die meinem Herzen auch sonst näher standen,
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Und ich – wir drei: wir kriegten plötzlich Sehnsucht,
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Unbänd'ge, heiße, namenlose Sehnsucht,
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Nach jenen Höckern, welche da und dort
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Das alte Mütterchen, die Erde, trägt:

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Die Sache wurde schleunigst überlegt –
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Und eines Morgens war's, im Julimond,
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Als wir die Domstadt, die ehrwürdig alte –
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Im Herzen ist sie schon ein wenig brüchig,
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Verdumpft und stockig – »kurzer Hand« verließen ...

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Das Reiseziel – bei Gott! – es war nicht Gießen,
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Wie es der Reim fast zu verlangen scheint –
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Vielmehr der Harz, wie ich schon oben sagte,
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Thale zunächst und nachher Treseburg ...

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In Treseburg – wo die Erinnrung wieder
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Mich überkommt an seiner Tannenwälder
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Hirnklärende Parfüms, die unbezahlbar
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Für Adam Homos stadtluftgrames Herz;
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An seine saatbestandnen Bergeslehnen,
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An seine heimlichen Poetenpfade,
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An seiner Wohner kraftgesundes Trachten! – –
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Doch halt! Ich muß der Parenthese achten,
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Die meine Sehnsucht ungebührlich dehnt –
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In Treseburg also – der Wirt hieß Müller –
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Ja! Müllers gibt es in der ganzen Welt! –
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Quartierten wir uns ein auf vierzehn Tage ...

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Am Abend sah ich dich! Du hattest zwar
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Dein feines, stolzes, leiskokettes Wesen
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Auch in die Berge mitgebracht – und doch:
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Ich liebte dich einmal und hoffte stark:
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Es läßt sich schon Gelegenheit erzwingen,
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Ganz stilvoll mein Geständnis anzubringen.

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Ich bracht' es denn auch wirklich an – das heißt:
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Ich muß mich eigentlich noch heute schämen! –
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War vor dem Treffpunkt – wie es kam: ich weiß nicht!
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Doch haben's meine Freunde mich versichert,
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Besonders wenn sie nicht –
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Kurz also: mein Benehmen gegen Sie,
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Mein hochverehrtes Fräulein, war zur Unzeit
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Ganz fürchterlich empörend, »kraftgenial«,
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»von oben runter«, souverän, blasiert,
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Sehr selbstbewußt, »bis in die Puppen frech«,
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Ironisch, gallig, unanständig, grob –
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Mit einem Wort: beleid'gend bis zum Tz ...

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Ich halte diesen Umstand wohl für möglich
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So, wie ich meine Wenigkeit taxiere ...
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Denn eine alte Angewohnheit ist's –
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Ich muß sie leider eingestehen – daß
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Ich öfter plötzlich Sehnsucht kriege, einem,
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Besonders gerne einem, den ich liebe,
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Einmal die vorgebundene Faschingsmaske
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Herabzureißen und ihm nun die Wahrheit
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Saugrob wie Bohnenstroh drauflos zu geigen ...
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Soll man zeitweilig nicht die Zähne zeigen?
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Wozu hat man sie denn? ... Nun also: damals
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War's denn vorbei – ich machte schlechte Witze –
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Bei Gott! Ich kann den Kitzel nicht verknebeln! –
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Da trafen mich der Götter Racheblitze
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Und wollten mich aus der Gesellschaft säbeln – –
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Das war nun so – ich mußte flugs verzichten
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Und konnte dich in Zukunft nur bedichten ...

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Wir sahen uns zwar später manchmal noch –
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Und doch! Ein Etwas stellte sich dazwischen
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Und suchte auch das Letzte zu verwischen,
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Was uns vielleicht noch zueinander zog ...
153
Ja! Ja!

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Und weiter – auseinander immer weiter
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Trieb uns seitdem ein ernster Schicksalswind ...
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Ich reifte aus zum mühbeladnen Streiter –
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Du wurdest eine Dame, weltumworben –
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Die Kinderträume sind dir längst gestorben –
159
Du weißt nicht, was Erinnerungen sind ...
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– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
161
Will's Gott, sehn mich im nächsten Lenz die Berge,
162
Die Harzerberge, endlich einmal wieder ...

163
Dann setz' ich mich auf meine Lieblingsbank –
164
Ich hoffe sie zu finden! – träume mählich,
165
So'n bißchen echtgermanisch heimwehkrank,
166
In ferne Sommertage mich zurück –
167
In Sommertage, die von Glück fast troffen,
168
Bis in gewissen Nebeln sie ersoffen ...

169
Und doch! Selbst heute noch in Dämmerstunden,
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Wenn alles schweigt und nur die Schatten schweben,
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Und ich halb unbewußt den Weg gefunden
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Zurück zu meiner Jugend Schwärmerleben –
173
Selbst heute noch ist's mir, als suchte dich
174
Mein armes Herz mit seinem tiefsten Sehnen – –
175
Und doch – ich weiß genau: Ich irre mich –
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Den liebt' ich nicht seitdem noch drei Helenen,
177
Mathilde, Dora, Emmy, zwei Louisen? – –
178
Mein Herz sucht sicher eine nur von diesen ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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