Marie Louise

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Hermann Conradi: Marie Louise (1876)

1
Wenn du mich liebtest –
2
Nein! Ich verdiente es nicht!

3
Denn siehe, du Weib,
4
Das ich liebe mit dem Flammensturm meiner Jugend,
5
In dem allein
6
Seit Stunden und Tagen,
7
In Tagen und bang durchwachten Nächten
8
Meine Seele lebt, meine Seele atmet –
9
Denn siehe, du Weib:
10
Nicht sündlosen Herzens
11
Kam ich zu dir –
12
Nicht keuschen Herzens
13
Hab' ich gepocht
14
An die Pforte deiner lichthellen Seele –
15
Siehe! Meine Augen –
16
Sie brannten so oft schon
17
In die Dämmertiefen –
18
In die berückenden Hetärenaugen
19
Eines anderen Weibes hinab ...
20
Und meine Lippen
21
Haben so oft sich verloren
22
Auf die rotüppigen Lippen
23
Eines anderen Weibes ...
24
Und eines anderen Weibes
25
Nacken und Hüfte
26
Haben meine Arme umklammert
27
So oft schon – so oft
28
In brünstiger Glut ...

29
Und sündige Gedanken
30
Haben gehaust
31
Und haben verpestet
32
Meiner Jünglingsseele
33
Demantene Reinheit ...

34
Und mit den Anderen
35
Bin ich gegangen,
36
Die da nachschleichen
37
In schwülen, berauschenden Mitternächten
38
Der Sünde, – der Sünde, die schamlos
39
Entblößt und verschachert
40
Reize um Reize! ...
41
Und mit den Anderen hab' ich gelogen
42
Und habe geleugnet
43
Frech und schamlos,
44
Wie die Dirne der Gasse,
45
Daß noch atme
46
Eine unangetastete
47
Frauenseele! ...

48
Weib! Wenn du mich liebtest –
49
Nein! Ich verdiente es nicht! ...

50
Und nun kam ich zu
51
Und nun fand ich

52
Und du bist bei mir,
53
Wo ich auch bin –
54
Und du gehst mit mir,
55
Wohin ich auch gehe –
56
Nur

57
All meine Gedanken,
58
All mein Sehnen und Suchen:
59
Bei dir findet's Heimat,
60
Bei dir schlägt es Wurzel,
61
Und um dich kreist es
62
Mit lautaufrauschendem Flügelschlage,
63
Du mein Ein und mein Alles,
64
Du Quell meines Lebens,
65
Daraus mir entgegen
66
Springen die Ströme
67
Der Seelenverjüngung ...

68
Denn ja! bei dir,
69
Da fühl' ich mich gut,
70
Da fühl' ich mich rein! ...

71
Wenn eng angeschmiegt
72
Du neben mir schreitest,
73
Und ich deines hastigen Atems
74
Lebenshauch spüre,
75
Und deiner Augen zartes Goldbraun
76
Verheißungsvoll mir entgegenblitzt,
77
Und ich mich verloren
78
Und nur
79
Dann ist's mir, als risse,
80
Als klaffte auseinander
81
Jäh und blendend
82
Der Vorhang,
83
Der mir verschleiert des Lebens
84
Immer noch bis heute
85
Und des Lebens
86
Und sein

87
Und eine neue
88
Berückende Wunderwelt
89
Hebt sich empor
90
Und durchschauert mein Herz
91
Mit seligen Träumen,
92
Mit heiligem Ahnen! ...

93
Weib! Wenn du mich liebtest –
94
Nein! Ich verdiene es

95
Und doch will ich um dich werben –
96
Und
97
Denn ich bin ja nicht mehr mein Eigen,
98
Nicht mehr mein Ich,
99
Ich lebe ja nur in

100
Aber nicht werben kann ich
101
Mit sanftem Rauschen,
102
Mit zärtlichem Kosen,
103
Wie der milde Frühwind
104
Und der leissingende Abendwind
105
Wirbt um den Duft
106
Der Kräuter und Gräser,
107
Die da wachsen und blühen
108
Bescheiden und winzig ...

109
Um dich, um deine Liebe
110
Muß ich werben,
111
Wie der Nordsturm wirbt
112
Um den dröhnenden Nachtgesang
113
Breitwipfliger Eichenwälder ...
114
Ueberströmen soll dich
115
Meiner rebellischen Seele
116
Jach auflohende Flammenfülle!

117
Durchfluten sollen dich
118
Meiner wehrsprengenden Leidenschaft
119
Wildgehende Wasser! ...

120
Begraben will ich dich
121
In die qualsüße Sklaverei der Gewalten,
122
Die du in mir geweckt
123
Mit dem Ton deiner Stimme,
124
Dem Geleucht deiner Augen,
125
Dem Lächeln deiner Wangen,
126
Dem Rhythmus deines Leibes –
127
Mit dem geheimnisvollen
128
Weben und Walten
129
Deines einzigen Ichs ...

130
Denn nicht mehr länger
131
Kann ich bändigen,
132
Kann ich dämmen,
133
Was größer denn ich
134
Und ungleich stärker,
135
Als mein machtloser Wille ...

136
Ist's nicht, Geliebte,
137
Herrlich und groß denn,
138
Walten zu lassen
139
In himmlischer Fülle,
140
In götterstarkem Drange,
141
Die schrankenlose,
142
Majestätische Kraft
143
Der
144
Darum nicht länger –
145
Nicht länger säum' ich ...

146
Und ob du's auch weißt:
147
Es packt mich, noch einmal
148
Mit erstickter Stimme
149
Dir zuzuraunen,
150
Daß ich dich liebe!

151
Ich mag nicht betteln
152
Um deine Liebe,
153
Mich nicht bescheiden
154
Mit karger Spende ...

155
Wie der Nordsturm eingreift
156
In der Eichenriesen
157
Knorren und Kronen,
158
So will ich mich einwühlen
159
In das Geäst deiner Seele!

160
Wie ich bei dir bin
161
Nacht und Tag,
162
Sollst du bei mir sein
163
Mit jeder Falte deines reinen Herzens,
164
Nacht und Tag,
165
Sollst du mein sein
166
Mit jeder Fiber deiner keuschen Seele ...

167
An mich sollst du dich klammern,
168
Sollst du dich lehnen,
169
Denn ich bin stark
170
Und halte dich sicher ...
171
Denn ich bin stark,
172
Und von jener Kraft,
173
Die göttlichen Samens,
174
Lebt auch in mir
175
Ein gewaltig Teil –
176
Und sie ist
177
Und sie ist
178
Und Traum und Ahnung ...

179
Weib! Wenn du mich liebtest,
180
Weil ich dich liebe,
181
Wie ich noch nie geliebt! ...
182
Noch nie geliebt
183
Ein irdisches Weib! ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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