Verkauft

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Hermann Conradi: Verkauft (1876)

1
Nicht war mir zu Willen
2
Deine lebendige Seele!
3
Und nicht umtönte mich
4
Ihrer tiefsinnigen Sprache
5
Ergreifender Urlaut ...

6
Doch deinen Leib – doch deinen Leib
7
Hab' ich besessen
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Und deine Glieder
9
Kühnlich betastet –
10
Und meine Hand –
11
Meine heiße irrende Hand –
12
Fand Huld und Heimat
13
Im Tal deiner Brüste ...

14
Und dein Leben spürt' ich –
15
Dein lebendiges Leben! ...
16
Den Rhythmus des Blutes –
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Von den Lippen dir sog ich
18
Die Frucht seines Kreisens ...
19
Und das Leben umfing ich –
20
Das lebendige Leben ...

21
Aber deine Seele war stumm,
22
Und wortlos dein Auge,
23
Als ahnten sie kaum
24
Der Wonneschmerzen
25
Verschleierten Tiefgang –
26
Die Schmerzenswonnen,
27
Die sich gebären,
28
Flackernde Flammen,
29
Gibt sich dem Menschen
30
Der göttliche Mensch
31
Im Namen des Geistes,
32
Der das Ewige fügt
33
Zum Gebilde der Stunde –
34
All-einig Bewußtsein
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Zeugt und entfaltet,
36
Ein pfadkundiger Tröster! ...

37
Aber deine Seele war stumm,
38
Als deckte sie Schlummer –
39
Als träumte entrückt sie
40
Zu anderen Sphären,
41
Die Nahsein den Göttern
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Heiter gewähren ...

43
Mich aber verwarf sie
44
Und meiner Seele
45
Brünstiges Rufen ...

46
Da quoll es empor –
47
Und meine Sehnsucht,
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Die dich nicht beseelt,
49
Wandelte trotzig
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Zu irdischer Lust sich
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Nach jener Sünde, –
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Die wurzelnd im Staube
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Vom Staube sich sättigt ...

54
Und mich zerfraß
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Die Flamme der Wollust –
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Und wühlte sich ein
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Und füllte mich ganz
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Und mordete meuchlings
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All meine Gottheit! ...

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Und ich betastete dich –
61
In deine Glieder verkrampft –
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Als sei ich von Sinnen –
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Als hätte ich niemals
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Meiner Seele Freiheit
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Auch nur geahnt –
66
Als hätt' ich mich niemals
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Voll feuriger Kraft
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Zu den Göttern entrafft!

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Durch mein Hirn
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Schossen die Ströme
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Brennender Wollust –
72
Und es versenkte
73
Der verruchte Drang mich,
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Dich zu zermalmen
75
Unter den Strudeln
76
Meiner entarteten Lust!

77
Aber da lagst du –
78
Bleich, wie ohne Seele,
79
Wie ohne tiefstes
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Lebensbedürfnis ...
81
Und jeder Zug
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In deinem blöden,
83
Verstumpften Antlitz
84
Stieß sich mir ins Hirn
85
Und redete deutlich:
86
Daß ich dich nur

87
Weib! Da kam es über mich –
88
Da kroch es heran –
89
Es lastete sich auf mich
90
Und ich wähnte –
91
Ich wähnte, es wiche –
92
Es wiche jählings
93
Unter meinen zuckenden Fingern
94
Dein warmfeuchtes Leben ...
95
Und Grausen schlug mich ...

96
Und mich zerschnitt
97
Der eiskalte Anhauch,
98
Der aus den Poren
99
Deines Leibes emporquoll,
100
Sich um mich gürtete
101
Mit Klammern der Angst ...

102
Und ich warf dich von mir ...

103
Mein Auge aber –
104
Mein hellsichtiges Auge,
105
Schaute Bilder und Zeichen
106
Und durchdrang
107
Die Herzen der Menschen ...

108
Und ich sah
109
Tausendmal, tausendmal! –
110
Immer wieder
111
Das letzte eine:
112
In jede Seele
113
Mit Blutschrift gebrannt:

114
Ueber die weiten Märkte des Lebens
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Rollt unaufhaltsam,
116
Nächte und Tage,
117
Ohne Labung und tröstende Sonne
118
Die Sklavenkolonne
119
Der verkauften Kreaturen, –
120
Zu Schächern und Huren
121
Niedergezwungen
122
Von den Fäusten der Not, –
123
Zum alltagsüberstaubten,
124
Hoffnungsberaubten

125
Und ich sah zu dir nieder, Weib,
126
Und du sahest zu mir empor, – Weib –
127
Und wie Verwunderung, –
128
Wie eine Frage
129
Las ich in deinen toten Augen ...

130
Tröste dich, Weib!
131
Du seelenloses!
132
Die einmal, einmal –
133
Mit dem Kanaan-Wasser
134
Der Freiheit getauft!
135
Leider! – oh leider
136
Ist sie zu drei Viertel
137
Auch schon glücklich –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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