Klage des Jünglings

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Hermann Conradi: Klage des Jünglings (1876)

1
Wo seid ihr hingegangen,
2
Meine frommen, unschuldigen Kinderaugen?
3
Wo seid ihr hingegangen,
4
Die ihr in prangenden Reizen
5
Die Welt mir verkündigt
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In meines Lebens erster Morgenfrühe?

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Wo seid ihr hingegangen,
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Die ihr zärtlich bestauntet
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Jedwede Kreatur,
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Flut und Kristall,
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Und voll Inbrunst
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Wunder um Wunder schautet?

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Wo seid ihr hingegangen,
14
Meine frommen, unschuldigen Kinderaugen?
15
Sehet! Ich sehne mich euch nach,
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Ein Jüngling, ein Mann,
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Dem die Welt sich nun malt
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In nackten, nüchternen Farben!

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Sehet! Ich sehne mich euch nach,
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Ich weine euch nach –
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Dem keuschen Blick
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Meiner ersten Jugend –
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Als zum ersten Male
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Ich um mich blickte
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Und der Bilder Fülle
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Mich trunken machte –
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Unsägliche Sehnsucht
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In mir weckte –
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Doch stilles Genügen
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Zugleich mich besaß!

31
Sehet! Ich sehne mich euch nach,
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Verlorene Augen der Unschuld,
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Nun ich ein anderer ward
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Und anders die Welt
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Sich mir verkündigt.

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Es fiel
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In der hingleitenden Zeiten Spiel
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Binde und Hülle –
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Und über mich strömte sich aus
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Die Fülle
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Der Wirklichkeiten, der märchenlosen –
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Es verdorrten
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Meiner frommen Neugier –
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Meiner keuschen Sehnsucht
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Köstliche Jugendrosen!

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Satt bin ich –
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Und mein ungewirktes Auge
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Träufelt in die zusammenschauernde Seele
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Nur Tropfen des Ekels ...
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Weltgierig ward ich
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Und allgierig
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Und unersättlich –
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Und spät und frühe
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Durchtaumelte diese Brust
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Unheimlicher Sehnsuchtsflammen
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Schlangengezüngel.

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Nimmer mir tat ich genug –
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Und auf mir lastete
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Segen zugleich und härtester Fluch ...

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Und ich wuchs und ich lebte,
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Bis in der zweiten
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Oder der dritten Morgenfrühe meines Lebens
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Ich alt schon ward
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Und müde schon vor der Zeit ...

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Von mir hinweggegangen
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Sind Drang und Sehnsucht
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Und die Wollust des Wanderns
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Und des schneidenden Wehs
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Unergründlichkeit!

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Nicht wunschlos ward ich
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Und nicht hoffnungslos!

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Doch alles, was ich begehre –
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Doch alles, was ich erhoffe,
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Ist so geringe,
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So hohläugig, entmarkt –
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Ueberschattet von den müden Brauen
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Heimlich zehrender Melancholie ...

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Wo seid ihr hingegangen,
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Meine frommen, unschuldigen Kinderaugen?

80
Oh! wäret ihr bei mir geblieben!
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Stark und trotzig
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Wie vorzeiten
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Wäre mein Lieben –
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Und mein Hassen
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Loderte auf in jähen Feuern!
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Nun, da ihr mich verlassen,
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Durchschreite ich welk und bekümmert
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Meines wachsenden Lebens
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Schmale, reizlose Dämmerungsgassen ...

90
Es trauert entvölkert
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Meiner Leidenschaften Serail –
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Und ich ließ meiner ringenden Kraftgefühle
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Felsengebirge,
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Das in gigantischen Gegensätzen
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Sich enthüllte,
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Und sich erfüllte,
97
Zu gewaltigen Werdeschätzen!

98
Wo seid ihr hingegangen,
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Meine frommen, unschuldigen Kinderaugen?

100
Sehet! Ich sehne mich euch nach,
101
Schürend
102
In toten, veraschten Kohlen –
103
Suchend und wie im Halbtraum spürend
104
Nach ein paar letzten mageren

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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