Nur ein Mensch

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Hermann Conradi: Nur ein Mensch (1876)

1
Ich stand auf sturmbestrichnem, granitnem Bergeshaupt,
2
Umbrüllt vom Eisorkane, von stechendem Schnee umstaubt –
3
Tief unter mir, umschlungen vom Nebelgewande der Nacht,
4
Lag Wahn und Menschenschicksal, lag Elend und Kronenpracht ...

5
Lag all das wirre Suchen: die Pilgerfahrt zum Licht –
6
Lag all das ewige Irren: ein wüstes Höllengedicht!
7
Lag gleißender Glanz und Entsagung – Gethsemane und Rom:
8
Dort wurmt sich ein armer Schwärmer – hier schwillt der Lüste Strom!

9
Lag all die blöde Verblendung, die vor den Götzen kniet –
10
Lag all die feige Knechtschaft, die sich im Staube müht,
11
Faulende Früchte zu sammeln, lohender Brünste voll –
12
Lag all die jähe Verzweiflung – der heilige Rächergroll! ...

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Die Sklavenkette klirrte – ihr schneidender Ton verklang;
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Die Schellenkappe tönte – ihr lockend Geläut versank –
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Von bleichen Märtyrerlippen verwehte der letzte Schwur –
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Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Kreatur ...

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Die einst mit flammenden Schwertern über den Erdball gebraust,
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Die Babel-Dome gefestet mit blut'ger Despotenfaust –
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Die ihre Cäsarenspuren mit ehernem Meißel gehauen,
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Hier an den Felsenbrüsten zerfällt das irdische Grauen,

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Das sie heraufbeschworen im bangenden Menschenhirn –
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Ihre Kronenzepter zersplittern an der steinernen Bergesstirn –
23
Und ihrer Allmacht Male zerbröckeln wie mürbe Spreu:
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Das Schweigen der Felsenöde verschlingt den Siegerschrei ...

25
Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Kreatur –
26
Hier lebt und atmet nur eines: die unbefleckte Natur ...
27
Und mich durchdrang die Wollust, an dieser Felsenbrust
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Mein Sünderhaupt zu zerschmettern – all meine Erdenlust –

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All meine Erdenduldung, von dieser Größe zerdrückt –
30
All meine Gramverschuldung, wiedergeburtsbeglückt –
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Wiedergeboren und enden: zum erstenmal ein Held!
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Ausatmen in diese Wildnis meine kleine, dürftige Welt!

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Da kroch es heran, das Entsetzen, belastete mich wie Erz –
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Und hämmern spürt' ich mein armes, todbangendes Menschenherz:
35
Gemach kehrt' ich zu Tal mich, nach Menschenspur hinab –
36
Bei Alltagsmühen zu suchen nach meinem Alltagsgrab.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Conradi
(18621890)

* 12.07.1862 in Jeßnitz, † 08.03.1890 in Würzburg

männlich, geb. Conradi

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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