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Des Scheidens Angstruf ist von meinem Munde
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Verbannt und längst zerrissen das Gewebe
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Der trügerischen Träume; doch ich bebe,
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O Mutter Erde, vor der letzten Stunde.
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Ich bin geknickt in meinem letzten Stolze,
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Weil du zurückverlangst, was dir entsprossen;
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Weil du den Keim, der langsam aufgeschossen,
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Langsam verderben mußt in faulem Holze;
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Weil du die kalte Form in lose Fetzen
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Zerlegst, den welken Körper, keusch verhüllt;
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Weil Zorn und Scham, weil Grausen mich erfüllt
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Vor eines Grabes Ekel und Entsetzen;
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Und weil ich – o des namenlosen Jammers! –
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An jene denke, die man fortgetragen,
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Als, nach den Donnerschlägen eines Hammers,
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Sie dennoch ruhig auf den Spänen lagen
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Und endlich aus der Ohnmacht sich erhuben,
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Nachdem die Stricke schon emporgeflogen,
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Nachdem der Schaufeln Arbeit schon vollzogen,
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Und dann die Nägel in die Särge gruben. –
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Ich will nicht weiter sinnen. – Sei zerstört,
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Bild der Verzweiflung, kehre niemals wieder! –
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Ich lege Pinsel und Palette nieder,
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Wenn mein Gedanke dich heraufbeschwört.
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Entweiche, grauenhafter Gast, vor dessen
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Gorgonen-Antlitz meine Pulse stocken!
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Verschlinge, Grab, die hingeworfnen Brocken
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Nur dann, wenn sie von Fäulnis angefressen!
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Es wäre besser, himmelan zu lodern,
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Gereinigt und vertilgt durch Feuerbrände,
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Statt eingesperrt in eines Sarges Wände
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In feuchter Erde langsam zu vermodern.
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Gemildert wird des Scheidens Bitterkeit,
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Der Hinterbliebnen Schmerz, wenn Ueberreste
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Der Menschen in dem ew'gen Schöpfungsfeste
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Verbrennen, von der Erde Last befreit.
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Es mag die Nachwelt ihre Toten taufen,
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Wie sichs allein gebührt, im Flammenbade;
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Denn eines reinen Glaubens letzte Gnade
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Ist nicht das Grab, es ist der Scheiterhaufen.