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O Meer, du bist das ewig zaubervolle,
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Das ewig schöne und das ewig wahre,
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Die große Wiege und die Totenbahre.
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Vor deiner Milde wie vor deinem Grolle,
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Vor deinem Hauch verstummt des Sängers Leier.
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Du bist der Anfang und das letzte Wort,
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Der Menschheit Schrecken und ihr bester Hort,
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Ihr Tröster, ihr Ernährer, ihr Befreier.
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Entzückend ist dein Lächeln und gewaltig
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Dein tiefer Atemzug. Mit Salzkrystallen
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Hinschäumend über zackige Korallen
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Und immer Leben sprühend, tausendfaltig;
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Eisberge rollend, Lotusinseln pflegend,
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Stolze Fregatten, Handelsflotten schaukelnd,
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Bald Falten werfend, bald im Lichte gaukelnd
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Und eine Welt von Kreaturen hegend
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In deinem Schoße; Nordlands kahle Dünen
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Bespülend, Fichtenwälder, schneebekränzt,
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Und drüben, wo die Tropensonne glänzt,
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Die Palmen, die geliebten, immergrünen,
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Die schlanken Palmen küssend, ihre Kronen
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Berührend und ihr Flüstern weitertragend –
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Glorreiches Meer! befruchtend, jauchzend, klagend,
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So flutest du dahin durch alle Zonen,
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Unendlich, unerschöpflich, unbezwungen,
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Entfesselt, ohne Ruhe, ewig drängend,
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Und doch, wie eine Thräne, lichtdurchdrungen
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Dich an den dunkeln Saum der Wolken hängend,
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Oft freudestrahlend, oft in stiller Trauer –
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Du hast der Menschen Heimat eng umschlossen.
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Du hast in unsrer Mutter Brust gegossen
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Des Lebens Odem, der Vernichtung Schauer;
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Mich aber hast du über Raum und Zeit
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Erhoben und mein Herz zu tausendmalen
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Befreit von Zweifeln und von Todesqualen,
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Befreit von Trübsal und Zerrissenheit.
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Ich danke dir – dir, dem ich lebenskrank
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Von meinem Leid erzählt, dem winzig kleinen.
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Du stilltest meine Schmerzen mit den deinen –
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Nochmals den großen Wassern meinen Dank!