20.

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Ludwig Ferdinand) (Schmid Dranmor: 20. (1855)

1
Nochmals den großen Wassern meinen Gruß,
2
Dem Ocean und all den wackern Leuten,
3
Die nur durch ihn ihr armes Brot erbeuten! –
4
Auf eines Schiffes Planken tritt mein Fuß
5
Nicht ohne Schüchternheit; und schütteln darf
6
Des Seemanns Schwielenhand nicht ohne Scham
7
Wer, so wie ich, den träumerischen Gram,
8
Das faule Frachtgut nicht zur Seite warf.
9
Mir war es nicht vergönnt, von alten Schlacken
10
Mich zu befrei'n und von ererbtem Staube;
11
Ein gutes Beispiel aber fand mein Glaube
12
Stets auf der See, bei den beteerten Jacken.
13
Und an dem Anspruchslosen ganz besonders,
14
Der in der großen Menge sich verliert,
15
Und dessen Aermel keine Schnur verziert,
16
Erlabte sich der Blick des Hypochonders.
17
Hei, seht die Handelsschiffe, schwach bemannt,
18
Wie sie nach allen Winden sich zerstreu'n!
19
Wie viele dort an Bord? – Acht oder neun,
20
Und dennoch alle Segel aufgespannt.
21
Drei Masten trägt das Fahrzeug? – Gute Reise!
22
Zieht durch die Meere hin als Friedensboten
23
Und kehrt zurück als glückliche Piloten,
24
Heim aus Ostindien, heim aus Grönlands Eise!
25
Mich selber hat die Trope wie entblättert,
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Doch möcht' ich einmal noch die Zweige recken
27
Dort, wo auf unbegrenzte Länderstrecken
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Die Sonne ihre Strahlen niederschmettert;
29
Dort, wo des Himmels Blau mit Purpurfarben
30
Gesättigt auf die Palmen niederlacht,
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Wo matte Wellen einst in lichter Nacht
32
Zu meinen, des Verbannten, Füßen starben,
33
In goldnen Sand verrinnend; an Gestaden,
34
Wo ich geträumt, gelitten und – gezaudert,
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Und wo mir holde, schmeichelnde Najaden
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Von alter Liebe Herrlichkeit geplaudert;
37
Wo die Natur in nimmermüdem Schaffen
38
Auf Wunder immer neue Wunder baut. –
39
Dahin ist meine Zeit! – O Schmerzenslaut!
40
Es ist zu spät, mich wieder aufzuraffen;
41
Nach kurzen Tagen ist es Nacht geworden;
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Mir sind besonnte Pfade abgeschnitten.
43
Ich bin gekommen, um im rauhen Norden,
44
Im Schneegestöber um ein Grab zu bitten.
45
Und wenn ich noch am stillen Abendfeuer
46
Mich berge vor dem heimatlichen Schnee,
47
Gedenk ich deiner, sternbesäte See,
48
Ihr kühnen Schiffer, dann gedenk ich euer!
49
Vergessenheit ist unser Los; doch besser
50
Das Herbe mit Gehorsam und Geduld
51
Bezwingen, als der Undankbaren Schuld
52
Bloßlegen, schonungslos, mit spitzem Messer.
53
Vorwärts gesteuert durch des Lebens Brandung
54
Als tapf'rer Lotse, nicht als Menschenhasser –
55
Das war der Scheidegruß der großen Wasser
56
Bei meiner späten, meiner letzten Landung.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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